Mrz 16

Internationales Spätburgunder Symposium 2017

Romana Eschensperger, MW beim International Pinot Noir Symposium 2017

Bei immer mehr Weinfreunden im In- und Ausland ist inzwischen angekommen, dass in Deutschland neben dem Riesling auch mit einer roten Rebsorte in die absolute Weltspitze vorgedrungen ist. Erzeuger wie Bernhard Huber, Paul Fürst, Markus Molitor und Jean Stodden landen mit Ihren Pinot Noir (wie die Rebsorte außerhalb des deutschen Sprachraums genannt wird) regelmäßig an der Spitze internationaler Verkostungspanels. Dabei gibt es kaum eine Rebsorte, deren Weine so unterschiedlich geraten können wie beim Spätburgunder. Anlass genug, den Ursachen für die Unterschiede mal etwas auf den Grund zu gehen. Zum dritten Mal nach 2014 und 2012 fand am vergangenen Wochenende in Bad Neuenahr, im Spätburgunder-dominierten Weinbaugebiet Ahr gelegen, das Internationales Spätburgunder Symposium statt.

Die Hälfte der Vorträge wurde in Englisch gehalten, die andere Hälte auf Deutsch. Beides simultan übersetzt von Peter Gebler, dem einzigen in Deutschland lebenden Cape Wine Master (1995). Dies war wichtig wegen der großen Zahl internationaler Teilnehmer, meist Sommeliers aus der Spitzengastronomie von Skandinavien über Kanada bis nach Asien, die auf Einladung des Deutschen Weininstituts an die Ahr gekommen waren. Durch das Programm führte Romana Eschensperger, eine von acht Deutschen, die den Titel Master of Wine führen dürfen. Die in den 50er Jahren in London gegründete Ausbildung/Prüfung für Weinexperten gilt als die schwierigste Herausforderung in der Weinwelt. Derzeit gibt es 356 Masters of Wine aus 29 Ländern.

Neben der Moderation hielt Romana Eschensperger auch einen Vortrag, ihr Thema war die Rolle des Spätburgunders bei der Schaumweinbereitung. Von den rund 30.000 Hektar Spätburgunder in Frankreich stehen nur rund 10.000 im für diese Rebsorte berühmten Burgund aber 13.000 in der Champagne. Nur ein Bruchteil davon wird für Rosé-Schaumweine verwendet, das Allermeiste wird als Blanc de Noirs weiß gekeltert, womit Pinot Noir auch für weiße Spitzenschaumweine die wichtigste Rebsorte neben Chardonnay ist. Ähnlich ist das Bild in vielen anderen Regionen, die für hochwertige Schaumweine bekannt sind (Franciacorta, Trentodoc, Cremant) und eben auch beim Sekt aus Burgunderrebsorten in D/A/CH.

Im Glas hatten wir dabei:
2013 Pinot brut nature von Griesel & Co, Hessische Bergstraße, Deutschland
2012 Rouge de Noirs brut, Pinot Noir, Schug Carneros Estate Winery, Sonoma, USA
Champagne Wintertime Blanc de Noir brut, Vranken Pommery, Frankreich

Anne Krebiehl, MW beim International Pinot Noir Symposium 2017

Anne Krebiehl, ebenfalls Master of Wine, berichtet über die unterschiedlichen Traditionen und Vorlieben bei Spätburgunder-Klonen in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und den USA. Weinreben werden nicht gesät, sondern mit Stecklingen geklont. Bei einigen Rebsorten gibt es dabei große Unterschiede zwischen den einzelnen Klonvarianten (zB Beerengröße, Schalendicke, Wuchsstärke, Reifezeit, Tannin, Intensität und Ausprägung von Fruchtaromen). So auch beim Spätburgunder, der im Extrem vom leichten Erbeersaft bis zur tiefschwarzen Tinte geraten kann. Anne Krebiehl berichtet neue Forschungseergebnisse, erklärt den geschichtlichen Hintergrund der Klonkultur und hinterfragt den Kult um den Klon Nr. 777 aus Dijon (Burgund). Und habe ich lieber uralte Rebstöcke aus einem alten Klon, bei dem die Selektion darauf ausgelegt war, bei deutlich kühlerem Klima noch halbwegs reif zu werden und einen möglichst hohen Ertrag einzufahren oder pflanze ich lieber neu mit Klonen, die bei niedrigem Ertrag hohe Qualität ermöglichen? Und natürlich die Geschichte der Gumboot Clones, also wie der Zollbeamte Malcom Abel dafür gesorgt hat, dass Klone von DRC ihren Siegeszug in Neuseeland antreten konnten (googlen).

Im Glas hatten wir dabei:
2014 Hecklinger Schlossberg GG, Weingut Bernhard Huber, Baden (Klon 777)
2014 Neuenahrer Sonnenberg GG, Weingut Jean Stodden, Ahr (Marienfelder)
2014 Terra 1261, Weingut Benedikt Baltes, Franken (Ritterklon)

Steve Price, PhD beim International Pinot Noir Symposium 2017

Steve Price, PhD berät die Weinbranche an der US-Westküste und in Australien beim Gerbstoffmanagement, also dem Umgang mit Phenolen und Bitterstoffen. Ein gewisses Maß an Gerbstoffen ist im Wein erwünscht, weil sie zur Alterungsfähigkeit beitragen. Zuviel oder die falsche Art von Gerbstoffen kann den Wein aber schnell unharmonisch und bitter machen. Klassische Quellen für Gerbstoffe sind die Traubenschalen, die Traubenkerne und der Holzeinsatz (mittlerweile kann man Tannin auch als Pulver kaufen). Price widmete sich im Vortrag vor allem den Kernen und erklärt, welchen Rolle das Klima in den Weinberge dabei spielt, was sich beeinflussen lässt und was nicht. Viel Wissenswertes um den eigenen Pinot Noir Weinstil auch angesichts der Klimaveränderungen im Griff zu halten. Price zeigt auch auf, wie sich Phenole beim Pinot von anderen roten Rebsorten unterscheiden. Daneben stellte er die Pinot-Anbaugebiete in Kalifornien und Oregon etwas genauer vor.

Carsten Henn, Chefredakteur GaultMillau Weinguide Deutschland beim International Pinot Noir Symposium 2017

Carsten Henn, Chefredakteur des GaultMillau Weinguide Deutschland widmete seinen Vortrag den sehr wenig bis gar nicht geschwefelten Weinen, die gerade als Natural Wines in Szene-Weinbars von Berlin über Kopenhagen bis New York in Mode sind. Warum macht man das, welche Risiken bestehen, wie ist das Lagerpotential, und was muss beim Ausbau beachtet werden (zB: extrem sauber, möglichst hohe Säure/niedriger ph-Wert). Außerhalt der Edelgastronomie sind Natural Wines Käufer sehr preissensibel und es geht wenig über 15-20 Euro. Der von Dirk Würtz im Weingut Balthasar Ress kreirte Caviar de Pinot ist da mit 65 Euro eine klare Ausnahme.

Im Glas hatten wir dabei:
2015 Pinot Noir Landwein Oberrhein von Enderle & Moll, Baden, SO2 frei: 26 mg/l gesamt: 55 mg/l
2015 Pinot Noir Landwein Oberrhein von Enderle & Moll, Baden, maximal 10-15mg/l natürliche SO2
2013 Pinot Noir „Caviar de Pinot“, Qualitätswein, Balthasar Ress, Rheingau, SO2 frei: 10 mg/l gesamt: 45 mg/l
2013 Pinot Noir „Caviar de Pinot“, Qualitätswein, Balthasar Ress, Rheingau, SO2 frei: 0 mg/l gesamt: 30 mg/l

Prof. Ulrich Fischer (Neustadt) beim International Pinot Noir Symposium 2017

Prof. Ulrich Fischer vom DLR in Neustadt (Pfalz) stellte eine Vielzahl der technichen Stellschrauben vor, mit denen beim Weinausbau auf Farbe, Aromen und Intensität der Frucht, Gerbstoffart & -gehalt, Reifegeschwindigkeit & -Potential Einfluss genommen werden kann.

Im Glas hatten wir dabei sieben Versuchsweine:
– ohne Sonderbehandlung
– mit Maischeschwefelung 120 mg/l SO2
– 5 Tage Kaltmazeration bei 5 Grad Celsius
– 2 Tage Nachextraktion bei 38 Grad Celsius
– 20% Saftentzug
– 50% ganze Beeren
– Kaltmazeration, Saftentzug, Kernaustrag, 50% ganze Beeren & 2 Tagen Nachextraktion bei 38°C

Renzo Cotarella, CEO and Chef Weinmacher von Marchesi Antinori beim International Pinot Noir Symposium 2017

Den abschließenden Vortrag hielt Renzo Cotarella, CEO und langjähriger Chef Weinmacher bei Marchesi Antinori. Er präsentierte Pinot Nero von hochgelegenen Weingärten in Umbrien, wo auf sedimentären und vulkanischen Böden auf 340 – 460m spannende Pinots entstehen, wo sich der Kampf gegen noch höhrere Alkoholwerte aber Jahr für Jahr verschärft.

Im Glas hatten wir dabei:
2013 Pinot Nero IGT Castello della Sala, Umbrien, Italien, 14,5%
2010 Pinot Nero IGT Castello della Sala, Umbrien, Italien, 14,5%

Mrz 14

ADAC-Reisen präsentiert E-Book: Weinreise durch Italien

ADACReisen E-Book Weinreise durch Italien
In der Serie seiner kostenlosen E-Books präsentiert ADAC-Reisen das neue E-Book Weinreise durch Italien. Auf 76 Seiten geht es durch alle vier Jahreszeiten in den bekannten Weinregionen Italiens. Zu Wort kommen die Italien- und Weinexperten Michael Liebert (Sommelier und Autor), Steffen Maus (Autor des derzeitigen deutschsprachigen Standartwerks Italiens Weinwelten), Jürgen Röder (Weinexperte des Handelsblatt), Tobias Treppenhauer (bloggt unter Weinlakai und verkostet für den kostenpflichtigen Newsletter WeinWisser), Nicola Neumann (auf Schaumwein spezialisierte Weinhändlerin) sowie der Autor dieser Zeilen. Viel Wissenswertes über die verschiedenen Weinregionen und ihre typischen Weinarten, interessante Ausflugsziele, Übersichtskarten, schöne Fotos und die Adressen aller (rund 60) erwähnten Weingüter. Da sollte für jeden Weinfreund etwas lesenswertes dabeisein.

Da E-Book gibt es kostenlos und ohne jegliche Registrierung oder Bedingung (anderswo werden kostenlose E-Books oft zwingend mit Anmeldung zu irgendwelchen nervigen Newslettern verknüpft) auf dieser Seite von ADAC-Reisen: www.adacreisen.de/e-book-weinreise-italien.html

ADACReisen E-Book Weinreise durch Italien

Mrz 09

ProWein 2017 Tweet Wall / Twitter Wall


Vom 19.-21. März findet in Düsseldorf die ProWein 2017 statt. Hier gibts ständig die neusten Tweets zur ProWein 2017 und auf der Weinkaiser-Facebookseite findet ihr während der Messe wie immer einen kommentierten Fotostream.

Hier noch mal die Link zum den kommentierten Fotosammlungen früherer Jahre:

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2014 (111 Fotos). Bei der Prowein 2014 gab es noch zwei weitere Weinkaiser-Fotoserien: von der Challenge Euposia Verleihung und der Caractères & Terroirs de Champagne Veranstaltung.

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2013 (57 Fotos)

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2012 (112 Fotos)

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2011 (90 Fotos).

Das Veranstaltungsprogramm der ProWein 2017 kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden und in der Veranstaltungsdatenbank online durchsucht werden.

Falls Sie oberhalb dieses Textes nicht die Twitterwall sehen (hier ein Screenshot, wie es ausschauen sollte), sollten Sie überprüfen, ob Javascript eingeschaltet ist (das wäre erforderlich) oder ein Skriptblocker das Twitter-Plugin blockiert…

ProWein 2017 Hallenplan / Messeplan

In diesem Jahr ist auch schon den kompletten Samstag über in Düsseldorf einiges an spannenden Veranstaltungen geboten. Ein kleiner Weinkaiser-Fahrplan für den ProWein-Samstag folgt noch an dieser Stelle. Details zu den Terminen wie immer auf unserer Weinkaiser Terminseite

Mrz 07

Riesling SWAG 2017 in Hamburg

Riesling SWAG
Riesling’s coming home – Wie der „Riesling SWAG“ entstand und wie er funktioniert!

Würde die berühmte gute Fee in deinem Weinkeller erscheinen, und dich fragen, wie das perfekte Weindinner eigentlich aussehen sollte, wie wäre deine Antwort? Als aller erstes gäbe es verdammt viele Weine, großartige Weine, erlesene Tropfen, jeweils die Quintessenz der Rebsorte. Als zweites sollten bei solch einem Bacchanal möglichst viele gleichgesinnte Weinfreunde dabei sein. Die Weine wollen ja auch getrunken werden. Und drittens wäre etwas zu Essen hilfreich, man möchte die Weine ja nicht „trocken“ genießen.

Für den Riesling gibt es so eine Veranstaltung schon – es ist die „Rieslingfeier“, die seit einigen Jahren immer in New York stattfindet. Mit der gleichen Regelmäßigkeit geht jedes Jahr eine Welle des Staunens durch die sozialen Medien, wenn auf den Fotos der „Rieslingfeier“ die getrunkenen Weine zu sehen sind. Feine und feinste Auslesen der besten Jahrgänge reihen sich an rare trockene Rieslinge von Koehler-Ruprecht oder Klaus-Peter Keller. Besonders beeindruckend ist dabei das „demokratische“ Element der Feier: Die Winzer und die Gäste steuern eine ähnliche Menge an Raritäten zur Begleitung des Dinners bei.

Letztes Jahr war es dann wieder so weit: Geleerte Weinflaschen im Wert einer mittelgroßen Vorstadtsiedlung auf Facebook, zufriedene Gesichter, so viele deutsche Winzer in New York, dass der VDP dort einen eigenen Ortsverband hätte eröffnen können. Der Ruf wurde laut, solch ein Dinner unbedingt auch in Deutschland abzuhalten.

Da sowohl Recycling als auch gute Ideen vom Mitmachen leben, hatten Stephan Bauer, Christoph Raffelt und ich die Idee, den Riesling zurück nach Deutschland zu holen, und ein glamouröses Riesling-Feuerwerk in Hamburg abzubrennen. Weil wir ja erstens unsere eigenen gigantischen, mehrstöckigen Weinkeller in Hamburg haben und die sympathische Hansestadt mit jetzt endlich fertiggestellter Philharmonie sowieso die nach New York zweitschönste Stadt der Welt ist.

Wir werden ähnlich wie im Big Apple Vertreter von elf ausgesprochenen Spitzenweingütern dabei haben: Egon Müller, Joh. Jos. Prüm, Schloss Lieser, Geltz-Zilliken, von Othegraven, Wittmann, Koehler-Ruprecht, Dr. Bürklin-Wolf, P. J. Kühn, Wagner-Stempel und Gut Hermannsberg. Trocken oder restsüß, Moseleleganz, Saarfinesse und die Kraft der Rheinweine – für jeden Geschmack sollte da etwas dabei sein. Jedes der Weingüter wird einen Tisch im Restaurant VLET in der Speicherstadt übernehmen. Zusätzlich wird es pro Tisch einen Sommelier geben, der die Zuordnung der Weine zum Menü übernimmt und so für die optimale Harmonie von Wein und Speisen sorgt. Klingt glamourös? Ist es auch, und wie im Hip Hop das Wort „Swag“ für eine mit dem größtmöglichen style durchgeführte Aktion steht, werden wir mit dem „Riesling SWAG“ unserer Lieblingsrebsorte zu einer Feier mit Stil verhelfen.

Was sowohl die Rieslingfeier als auch den Riesling SWAG aus der Masse der hochklassigen Verkostungen heraushebt, ist das Element des gemeinsamen Genießens und des Teilens von Erlebnissen und Weinen. Jeder der Gäste wird eine oder mehrere Flaschen Riesling seiner Wahl mitbringen, um sie mit seinen Tischnachbarn und den interessierten Gästen anderer Tische zu teilen. So hat jeder Gast nicht nur den Genuss der Weine des Weinguts am Tisch sondern auch Teilhabe an den Weinen der anderen Gäste. Die Großzügigkeit aller ist hier ein Gewinn für jeden Einzelnen. Wir werden oft gefragt, wie denn nun der passende Wein für die Veranstaltung aussehen soll? Überlegt euch, was für einen Riesling ihr schon immer einmal bei einer besonderen Gelegenheit mit Freunden probieren wolltet, und um den ihr bis jetzt immer herumgeschlichen seid. Der Riesling SWAG ist eure besondere Gelegenheit!

Alles weitere und die Möglichkeit zur Anmeldung findet ihr hier: www.riesling-swag.de

Das Team des SWAGs freut sich auf euch!

PS: Da wir das Dinner nur veranstalten, weil wir Freude am gemeinsamen Riesling-Genuss haben, werden wir eventuell anfallende Überschüsse einer gemeinnützigen Organisation spenden.

Von Othegraven Kanzemer Altenberg Riesling TBA 2011

Jan 04

Warum ich gerne Etikettentrinker bin und das auch zugebe

Egon Müller Scharzhofberger feinste Auslese 1949

von Marc Herold

Hähne, Kanonen, Schiffe, Eisenbahnen, jede Art von Getier und mindestens doppelt so viele Wappen mit Sinnsprüchen für jede Lebenslage – es gibt wohl nichts, was nicht schon einmal auf einem Weinetikett abgebildet wurde. Jeder von uns stand wohl schon einmal vor der Aufgabe aus dem Etikett eines Weins wenigstens ein mittelmäßiges Lösemittel für die Frage nach dem Inhalt der Flasche zu destillieren. Grob gesagt gibt es dabei drei Schulen der Vorgehensweise zur Lösung dieses Problems: Zum einen die, welche ich die „protestantische“ nennen möchte. Hier wird davon ausgegangen, dass jeder Pomp von Übel ist und es nur auf den Geist der (oder in der) Flasche ankommt. Das Etikett kann also gar nicht schlicht genug sein, alles Ornament dient lediglich der schnöden Ablenkung vom Inhalt.

Langwerth von Simmern Hattenheimer Mannberg Riesling Auslese 1969

Die zweite Schule ist folgerichtig die „katholische“: Wer einen dramatischen Wein sucht, dessen Opulenz auf einer Stufe mit barocken Altarbildern des Alpenraums steht, wird sich eher an maximalgoldene Etiketten halten, die so verschnörkelt wirken, wie es vom Wein erwartet wird.

Berres Erdener Prälat hochfeine Auslese 1969

Die dritte Schule ist eher durch die Verwerfungen der Postmoderne gekennzeichnet – es ist die Schule des „Je hässlicher das Etikett, desto besser der Wein“. Meiner Meinung nach ist das eine Strategie, die besonders bei Champagnern funktioniert.

Maximin Grünhaus Herrenberg 1970

Unabhängig davon, wie man auf Etiketten reagiert, der Käufer wird immer (oder zumindest wenn der Akku des Smartphones mit der Cellartracker App leer ist) versuchen aus dem Etikett eine Botschaft über den Charakter des Weines abzuleiten.

Aschrott Hochheimer Hölle Riesling Spätlese halbtrocken 1986

Für mich als „hauptsächlich Riesling-Trinker“ bestand die Etikettenwelt dann auch bis vor ungefähr zehn Jahren überwiegend aus einem fast unübersehbarem Heer an Papier mit mehr oder weniger vielen und großen Wappen über oder unter dem Etikett wenn der Wein aus dem Rheingau kam, oder dem typischen Mosel-Etikett mit Blick auf das Gutsgebäude und der links davon angebrachten Information, dass die Mitglieder des VDP „Lagen von Weltruf besitzen“.

Domdechant Werner Hochheimer Rauchloch Riesling Spätlese 1966

Während aber die Winzer von Mosel, Saar und Ruwer mit nahezu buddhistischer Gleichmut an den traditionellen Etiketten festhielten, wurde im Rheingau seit den 80ern auf den Etiketten viel experimentiert. Wenn das Management im Fußball nicht mehr weiter weiß, folgt meist ein Trainerwechsel. Im Rheingau wurde im Fall des meist etwas verschwommenen Wunsches nach Veränderung erst einmal das Etikett gewechselt. Am deutlichsten wurde das bei den Staatsweingütern im Rheingau, deren preußischer Adler auf dem Etikett bis in die Mitte der 70er Jahre über die makellose Qualität in der Flasche wachte, der aber in den 90er Jahren nur noch seltsam verkleinert auf einem der lieblosesten Etiketten des ganzen Rheingaus geduldet wurde und mittlerweile idR ganz verschwunden ist.

Kloster Ebersbach Rüdesheimer Berg Rottland Riesling Eiswein-Auslese 1971

Hier ist es müßig zu überlegen, ob zuerst die Qualität in der Flasche schlechter wurde, und dann das Etikett angepasst wurde, oder ob sich die geschmackliche Qualität des übersehbaren Lables auf das Gemüt der Weinmacher und dann auf den Wein übertragen hat.

Schloss Johannisberg Riesling Spätlese 2002

Dagegen zeigt die Entwicklung der „Weinvisitenkarte“ von Schloss Johannisberg, wo man für mich bis in die 70Jahre nicht nur die beeindruckendsten Weine des Rheingaus erzeugte sondern auch das schönste Etikett besaß, wie eine Phase der schwankenden Qualität überwunden werden konnte indem man sich sowohl bei der Weinerzeugung als auch bei der Optik von alter Größe leiten ließ. Wirkte deren Etikett in den 80ern und frühen 90ern künstlich und grob, begeistert jetzt wieder der stahlstichartige, feine Blick auf das Schloss, wenn man eine Flasche des Weinguts in die Hand nimmt.

Schloss Eltz Eltviller Langenstück Riesling Beerenauslese 1917

Die Mosel mit ihren Nebenflüssen ist bei genauer Betrachtung dann auch nicht nur ein Hort der Etikettendenkmalpflege sondern bietet hier auch zwei weiteren Gruppen von Gestaltern eine Spielwiese. Zum einen gibt es hier ein Hand voll neuer Etiketten, die sich mit Absicht von jeglichem Historizismus abgrenzen. Klar, wieder erkennbar und elegant begeistert mich beispielsweise die Gestaltung des von Othegraven-Etiketts sehr, auch wenn ich lange an dem Lindgrün des 70er Jahre Flaschenaufklebers hing.

von Hövel Scharzhofberger Riesling Auslese 1983

Zum andern kann man an der Mosel einen Trend erkennen, der deutschlandweit beobachtbar ist – nämlich das Auftauchen von Flaschengestaltungen, die sich an einer Art-Neo-Jugendstil orientieren. Julian Haart hat hier vor ein paar Jahren mit einem pflanzenrankenden und dennoch klaren Etikett Maßstäbe gesetzt. Stefan Steinmetz und Christian Hermann haben mit ihrer Entscheidung ein ebenfalls am Jugendstil orientiertes Flaschenäußeres zu wählen für mich einen großen Coup gelandet. Da ja am Ende des 19ten und am Anfang des 20sten Jahrhunderts der Moselwein weltweit gefragt und begehrt war, liegt solch eine gestalterische Entscheidung nahe, doch erscheint es zunächst seltsam, warum grade die Etiketten aus dieser Zeit auf die Weinfreunde eine so große Anziehungskraft ausüben. Zum Einen ist es so, dass die Qualitätsikonen des Gebiets wie Egon Müller oder Maximin Grünhaus auch nahezu unverändert Designs aus dieser Zeit verwenden.

von Hövel Oberemmeler Hütte Riesling Auslese 1993

Andererseits gibt es auch kaum eine Epoche, deren Faszination für die Formen der Natur so gut mit unserem heutigen Idealbild vom Wein in Einklang steht. Die Formen der Natur sind „schön an sich“, es erscheint so, dass die konstruktions- und technikorientierte Gestaltungskraft der Schönheit einer Rebranke nur wenig entgegenzusetzen hätte. Carl Blossfeldt würde heute Wein in Amphoren erzeugen statt zu fotografieren. Dass das idyllischste und zugleich eleganteste Jugendstiletikett des von Schubert’schen Ritterguts mit dem Eintritt eines Stahlmagnaten in die Weingeschichte der Ruwer verknüpft ist, erscheint in diesem Zusammenhang wie ein 100 Jahre überspannender Treppenwitz der Geschichte.

Apollinar Joseph Koch Scharzhofberger Spätlese 1971

Liegt die Zukunft des Weinetiketts also in seiner Vergangenheit? Eins ist sicher, wir werden auch in Zukunft erst beim Öffnen der Flasche wissen, ob das Versprechen (oder die Drohung) des Stück Papiers auf dem Glas eingelöst wird. Wir werden aber auch in Zukunft immer Etikettentrinker bleiben, ob wir wollen oder nicht.

PS: Und jetzt werde ich eine Flasche Willi Schaefer Riesling öffnen und mich zum hundertsten Mal fragen, warum so eine grandioses Weingut immer noch eins der skurrilsten Etiketten der gesamten Mosel hat. 😉

Joh. Jos. Prüm Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese 1995

Jul 29

Weinrallye 100 – Wie alles begann

Heymann-Löwenstein Winninger Uhlen Riesling Auslese 1999

Von Marc Herold

Schuld ist nur der VDP

Für mich als notorisch faulem Gelegenheits-Gastschreiber ist die Weinrallye jeden Monat der Stachel im Fleisch, das Pieken im Gewissen, der Funken (naja hier eher der Bunsenbrenner) der Inspiration, der mich dann doch erst in den Keller und danach an die Tastatur treibt. Am inprovisiertesten war es wohl, als ich aus einem Hotelzimmer in der Ostschweiz über „Schweizer Wein“ geschrieben habe. Am kniffligsten aber gleichzeitig am schönsten war für mich die Weinbeschreibung in Sonettform.

Die Weinrallye mit der schönen runden Zahl soll mich an dieser Stelle dorthin führen, wo viele geschmackssichere Wein-Geschichten begannen – nämlich an die Mosel. Damals im Jahr 2010 feierte der VDP sein hundertjähriges Bestehen und hatte sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Ausgewählte Weinbergslagen wurden von Künstlern nachts illuminiert. An der Mosel hatte man sich mit dem Winninger Uhlen eine prachtvolle, steile und vor allem beeindruckende Lage gewählt. Um die Beleuchtung standesgemäß und vor allem mit ausreichender Weinversorgung würdigen zu können, gab es ein Schiff mit dem die Schaulustigen zum Fuße des Uhlen geschippert wurden. Das ich mir das nicht entgehen lassen konnte ist klar, dass es viel Moselwein gab wundert auch niemanden, dass ich auf diesem Schiff den „berühmten“ (Ich habe ja zu einer Zeit weinen Weinkonsum mit dem Internet verbunden, als es lediglich den Kaiser, Eschenauers Riesling-Blog, und das Wein-Plus-Forum gab) Weinkaiser kennenlernen würde war mir nicht ganz so klar, aber da war er dann plötzlich. Natürlich mit dem legendären orangen Rucksack, stets durstig und ständig im Gespräch mit den vielen mitfahrenden Winzern. Irgendwann, wir waren mittlerweile zweimal am Röttgen und einmal am Uhlen vorbeigefahren, fragte er mich „Sag mal Marc, möchtest du nicht mal was für meinen Blog schreiben?“, Natürlich wollte ich, wenn mich einer dieser sagenumwogenen Blogger schon einmal fragt, werde ich den 15 Sekunden Ruhm nicht ausweichen.

Heymann-Löwenstein Winninger Uhlen Riesling Auslese 1999

Deswegen stoße ich auf die erste dreistellige Weinrallye mit einer 1999er Auslese aus dem Winninger Uhlen an! Viele kennen diese Lage ja zu recht wegen der mehr oder weniger trockenen Rieslinge des Weinguts Heymann-Löwenstein. Reinhard Löwenstein erzeugt aus dem Uhlen seit den späten 80er Jahren wirklich monumentale Rieslinge. Jung sind die Weine immer spektakulär, in der Reife sind sie oft etwas zickig und es ist für mich immer noch eine offene Frage, ob man die Weine nicht besser bis zu ihrem dritten Lebenzjahr austrinkt. Ganz anders aber die edelsüßen Weine, des Weinguts. Nahezu jede Flasche Auslese, ob aus den 90ern, ob aus dem schwierigen Hitzejahr 2003, die ich bislang getrunken habe war phänomenal. Die Weine zeigen eine extreme Konzentration und oft eine kernige, dunkele Mineralität. So ist das auch bei diesem Wein, obwohl es nur eine „normale“ und keine Goldkapsel-Auslese ist, wirkt der Wein honigartig süß hat aber auch an den Rändern etwas dunkles, abgründiges, dass dem Wein noch eine zusätzliche geschmackliche Tiefe verschafft. Ich würde den Wein nicht noch bis zur 200sten Rallye liegen lassen, aber um heute den runden Rallye-Geburtstag zu feiern, passt dieser reife Riesling wunderbar. Ein Hoch auf die Weinrallye!

Heymann-Löwenstein Winninger Uhlen Riesling Auslese 1999

Was ist eine Weinrallye?

Seit Oktober 2007 sind alle Wein- und Foodblogs einmal im Monat aufgerufen, sich einen Tag lang einem (alle dem selben) vorher festgelegten Thema zu widmen. Heute war ein solcher Tag und das Thema der Weinrallye, wie sich dieser Onlineevent nennt, der heute zum 100. mal stattfand, war das Jubiläum der Weinrallye. Der Aufruf zur Weinrallye #100 kam von Thomas Lippert vom Winzerblog.

Eine Übersicht aller bisherigen Weinrallye-Themen und Gastgeber gibt es übrigens hier: Weinkaiser.de/ehemalige-weinrallye-themen

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