Jun 09

Weingut Keller Riesling Abtserde GG Vertikale 2006 – 2015

Weingut Keller Riesling Abtserde GG Vertikale

Von Ralf Kaiser (allgemeiner Teil) und Marc Herold (Verkostungsnotizen)

Kaum ein deutsches Weingut ist in den letzten Monaten so in den Fokus der Rieslingliebhaber und Rieslingkäufer getreten, wie das Weingut Keller im rheinhessischen Flörsheim-Dalsheim. War spätestens seit der Mitte der 2000er unbestritten, dass Klaus-Peter Keller zur Spitze der deutschen Winzer gehört, hat sich speziell auf dem Sekundärmarkt, also bei Auktionen und Händlerverkäufen älterer Jahrgänge, gezeigt dass es ein gesteigertes Interesse an den großen Gewächsen und den Über-GGsAbtserde“ und „G-Max“ gibt, welches sich in Preissteigerungen niederschlägt, die sogar Winzer im Burgund blass werden lassen. Konnte man bis vor etwa zwei Jahren die „Abtserde“ bei ebay noch für etwa 60 € bis 70 € ersteigern, werden für die Weine vor dem aktuell erhältlichen Jahrgang mittlerweile Flaschenpreise bis zu 180 € erzielt (Quelle: Ebay, verkaufte Artikel zwischen Ende Februar und Anfang Juni 2017).

Der 2001 erstmals erzeugte Iconwein G-Max ist mittlerweile kaum noch unter tausend Euro pro 0,7l Normalflasche zu finden, die bekannte Wein-Suchmaschine Wine-Searcher listet für die höher bepunkteten Jahrgänge aktuell bereits mehr als zwei dutzend Händlerangebote, die alle bereits 2000€ übersteigen. Bei einer derart rasanten Preisentwicklung und der sich darin ausdrückenden größeren Nachfrage, wird es naturgemäß immer schwieriger, die Wein auch wirklich in mehreren Reifephasen probieren zu können. Einige profitorientierte Flaschenbesitzer werden momentan ihre Abtserden und G-Mäxe im Keller lassen, um am Markt auf weiter steigende Preise zu wetten.

Klaus-Peter Keller erklärt sich die steigenden Preise auf dem Sekundärmarkt durch die zunehmende Bekanntheit und Beliebtheit seiner Weine, vor allem auch international, bei kaum gesteigerter Produktionsmenge. Häufig wachsen erfolgreiche Weingüter kontinuierlich weiter, um die steigende Nachfrage zu befriedigen. Das Weingut Keller aber hat in den letzten Jahren hat nur ein paar kleine Filetstücke hinzugenommen und ist so nur in deutlich kleinerem Umfang gewachsen, als die Nachfrage gestiegen ist. Keller: „Wir wollen nur die Weine erzeugen, die wir auch selbst trinken mögen und dann kann ich die Menge nicht immer weiter steigern.

Der Rheinhessische Spitzenwinzer Klaus-Peter Keller

Kellers erster Jahrgang aus der Abtserde war 2006. Sein Vater Klaus Keller hatte die Parzelle 1996 gekauft, sie war aber noch zehn weitere Jahre verpachtet, so dass Junjor Klaus-Peter nach der zwischenzeitlichen Betriebsübernahme mit dem Jahrgang 2006 loslegen konnte. In den 90ern lag der Fokus vieler Winzer noch mehr als heute auf der Fruchtigkeit der Weine und die Weine aus der Abtserde fielen schon damals mehr durch mineralische Noten als durch Fruchtaromen auf, daher konnte Keller die Fläche erwerben.

Abtserde ist heute der Name eines eingetragenen Gewanns in der 31ha großen Lage Westhofener Brunnenhäuschen, die komplett umschlossen ist von den beiden Lagen Morstein (von Westen und Norden, im Bild links und oberhalb vom rot markierten Brunnenhäuschen) und Steingrube (von Osten und Süden, im Bild von rechts & unten). Der Name Brunnenhäuschenon geht auf eine hier entspringende Wasserquelle zurück. Bis zur Flurbereinigung in den Westhofener Weinbergen im Jahr 1971 war Abtserde eine eigenständige Weinbergslage, ab 1971 wurde sie ins Brunnenhäuschen „eingemeindet“. In diesem Fall eine Aufwertung für die Lage Brunnenhäuschen aber gleichzeitig wurden auch deutlich weniger wertige Parzellen in Toplagen wie Morstein integriert und damit Lagen geschaffen, die nun weit über den historirischen Kern hinausgehen. In der Zeit leider ein bundesweites Phänomen. Abtserde verschwand also nach 1971 von den Etiketten, denn nur die neu zusammengefassten Lagennamen durften legal verwendet werden. Seit einer Liberalisierung, die ab dem Jahrgang 2014 greift, dürfen nun eingetragene Gewannnamen wieder auf Weinetiketten erscheinen, wenn daneben auch der Name der heute offiziellen Weinbergslage angegeben wird. Kellers erster Abtserde-Jahrgang war aber bereits 2006, der Konflikt mit der staatlichen Weinkontrolle war also vorprogramiert. Wer aber eine Parzelle besitzt, die sowohl qualitativ herausragd also auch über eine besondere Geschichte verfügt, will sie auch zeigen. So begann eine Odysse der Markennamen, von „Abtserde“ im Jahrgang 2006, „Abts E®.de“ in den Jahren 2007 und 2008 bis zu „Abts E®“ ab 2009. Sogar eine eigene Abtser.de Webseite entstand zwischenzeitlich. Mittlerweile dürfte Keller den Namen also wieder ausschreiben, aber nach sieben Jahrgängen „Abts E®“ kann der Name auch stehenbleiben und an die anfänglichen Schwierigkeiten erinnern.

Westhofener Brunnenhäuschen, komplett umschlossen von den beiden Lagen Morstein und Steingrube.

Die Böden der Abtserde haben den höchsten Aktivkalkgehalt (der von der Rebe aufnehmbare Kalkanteil) aller Westhofener Weinberge und mit bis zu 30% Aktivkalkgehalt im Untergrund werden dabei sogar Werte erreicht, die auf Augenhöhe mit der Grand Cru Lage Les Clos in Chablis liegen, für viele das Aushängeschild der Region. Der hohe Kalkgehalt verhilft zu einer besonderen mineralischen Note der Weine, macht der Rebe aber auch das Leben extrem schwer, da die Aufnahme anderer benötigter Stoffe (oft z.B. Eisen) erschwert wird. Dazu kommt die (für rheinhessische Verhältnisse) hohe Lage von bis 240m ü. NN., in der häufig ein kühler Westwind für langsame Reife sorgt und damit eine besonders lange Vegetationsperiode (oft bis weit in den November hinein) ermöglicht, die wiederum zu besonders aromatischen Trauben führt. Neben der Späten Reife sorgen diese harten Anforderungen an die Reben auch für sehr lockerbeerige Trauben und damit durch die gute Durchlüftung deutlich weniger Gefahr von Fäulniss.

Dass dies ein besonderer Ort ist, wurde bereits sehr früh erkannt. Bereits im Jahr 1280 wurde die herausragende Lage „an aptes Erden“ urkundlich erwähnt. Dem Fürstbistum von Worms gehörten damals einige der besten Westhofener Weinberge. Die Weinbauern, die diese Flächen bewirtschafteten, mussten ihren Lehnsherren dafür jährlich zehn Prozent des erzeugten Weines abtreten. Da die gleiche Arbeit in den höher gelegenen und kargeren Lagen einen deutlich niedrigeren Ertrag an Traubenmenge und damit Wein erzielte als in den fruchtbareren Flachlagen, wischen die Weinbauern nach und nach vermehrt in die Flachlagen aus. War ja auf den ersten Blick im Interesse aller, denn mehr Ertrag bedeutete ja auch für die Lehnsherren mehr Wein. Der Fürstbischof stellte aber nach einer Weile fest, dass die Weinqualität seines Lieblingsweins immer weiter nachließ und sandte einen Abt nach Westhofen, um nach der Ursache zu forschen. Der brauchte nicht lange um festzustellen, dass die Böden von unterschiedlicher Qualität waren und legte per Dekret fest, dass die Weine für den Fürstbischof von Worms nur noch aus Trauben der besonders kalkhaltigen Parzelle „an aptes Erden“ stammen dürfen.

Das Weingut Keller besitzt 2,3 Hektar in der Abtserde, von denen ein großer Teil bereits direkt nach der Flurbereinigung 1971 gepflanzt wurde. Aus diesen alten Reben kommen die meisten Trauben für das Große Gewächs. Trauben aus Mitte der 2000er angelegten Junganlagen wurden 2009 auch schon einmal separat ausgebaut und als Riesling A vermarktet. Neben dem GG entstehen aus der Abtserde auch fast in jedem Jahr herausragende fruchtige und edelsüße Weine. Sowohl das GG (mehrfach), die Auslese wie auch die TBA (mehrfach) wurden schon vom Gault Millau Weinguide zum besten Wein Deutschlands in der jeweiligen Kategorie gewählt. In dieser Form bisher einzigartig.

Der Rheinhessische Spitzenwinzer Klaus-Peter Keller

Umso erfreulicher ist es, Weinbegeisterte wie Andreas Witzig zu kennen, der vor wenigen Tagen in der Hamburger „Winebank“ eine Abtserde Vertikale aller bisher gefüllten Jahrgänge, also von 2006 bis zum aktuellen 2015er veranstaltete. Die Weine stammten (mit Ausnahme einer Flasche) aus Erstbesitz und wurden alle einen Tag vor der Verkostung geöffnet und erst kurz vor der Verkostung in Dekanter umgefüllt. Alle Weine wurden nacheinander blind serviert, der Jahrgang jeweils nach Verkostung des Weines aufgedeckt. Ich war gespannt, wie sich die Weine nun zwei Jahre nach der von „Wineterminator“ Achim Becker dokumentierten Verkostung: Abtserde-Vertikale aus Magnumflaschen mit Weinen aus Beständen des Keller-Sammlers Ingo Hillen im April 2015 präsentieren würden.

Hier nun Marcs Notizen zu den einzelnen Jahrgängen:

2006: Für mich die Überraschung des Abends. 2006 ist ja grade im Bereich der trockenen Rieslinge ein schwieriger Jahrgang (extrem feuchter und warmer Herbst, idealer Närboden für Pilze und Schimmmel, daher großer Botrytis- und Fäulniss-Befall), in dem sogar sonst absolut verlässliche Erzeuger schwierige, zum Teil bittere und unsaubere Weine ablieferten. Nichts davon findet sich in diesem Wein. Er wirkt ungemein saftig, bleibt dabei aber immer elegant und wohlproportioniert. Aromatisch taucht man hier in ein Meer aus Tabak und Ananas, wird zunächst sanft aufgefangen, aber dann von der straffen Säure mitgezogen. Für mich mein bester bisher probierter trockener 2006er. Die von Achim Becker vergebenen 95 Punkte kann ich hier gut verstehen.

2007:
Leider oxidiert und nicht bewertbar. Offenbar ein Flaschenfehler. Schade, das vor zwei Jahren war einer der Favoriten von Achim Becker, im Gault Millau Weinguide seinerzeit mit 96P der beste trockene Riesling des Jahres (Platz 2: G-Max mit 95P) und ganz aktuell mit 96P Gewinner einer großen 2007er Verkostung trockener Riesling-Ikonen aus D, AT und dem Elsass des Onlineportals MoselFineWines.

2008: Das war der Jahrgang, den viele blind für den 2006er hielten. Zunächst wirkt der in der Nase etwas alkoholisch, was sich aber mit mehr Luft gibt. Der Wein hat ähnlich wie der „echte 06er“ viel Frucht, Mango, Papaya, der ist eigentlich aromatisch das Gegenteil zu dem, aufgrund des kühleren Jahres, erwarteten Mineralikmonster. Ist die Nase derzeit etwas untypisch für das Jahr, aber durchaus angenehm, konnte ich mit dem Wein auf der Zunge nicht viel anfangen. Für mich hat der Wein nicht diese klassische mineralische Adstringenz sondern eher eine merkliche Bitternote.

2009:
Ganz einnehmende Nase mit viel Tabak, etwas rauchigem Schinken und einem Hauch Butterschmalz. Jahrgangstypisch wuchtig, auch hier wieder etwas hervortretende alkoholische Süße. Bleibt aber noch im Rahmen. Auch am Gaumen wuchtig, langer Nachhall. Die Preisfrage ist hier wohl, wie sich der Wein in ein paar Jahren zeigt. Wird die Struktur etwas klarer hervortreten? Bei der Probe, die Becker beschreibt, war der Wein wohl noch voluminöser. Im Gault Millau Weinguide genau wie schon im Jahrgang 2007 mit 96P der beste trockene Riesling des Jahres (Platz 2 E-S Halenberg, Platz 3 G-Max).

2010: Das war der Jahrgang, den viele aufgrund der etwas fortgeschrittenen Reife in der Nase für den 2011er hielten. Er wirkt zunächst deutlich gereift und zeigt diese etwas „schwülen“ hypertrophen Aromen von stark riechenden Schnittblumen, die schon etwas zu lange in der Vase standen. Mit Luft verliert er diese Aromen zu einem großen Teil, und wirkt etwas klarer. Auf der Zunge zeigt sich ein deutlicher Kontrast zwischen etwas überreifer Grapefruit und einer im ersten Augenblick recht spitz wirkenden Säure. Der Wein funktioniert über seine Gegensätze, ist meiner Meinung nach aber nicht DIE große Abtserde, für die sie vielfach (auch vom Weinterminator) gehalten wird. Möglicherweise bildet sich mit der Zeit da aber noch etwas mehr Balance und Harmonie heraus. Ich hatte den Wein letztes Jahr schon einmal im Glas, und schon da, war ich eher etwas „underwhelmed“.

2011: Der 2011er liefert genau das, was ich beim 2010er vermisste: Säure und Extrakt sind sehr gekonnt zu einer raffinierten „Geschmacksfläche“ verwoben. Ein ausgesprochener Texturwein mit elegantem Mundgefühl, wunderbarer trinkanimierender Abgang. Hier haben wir auch die eher kalkigen, „fruchtlosen“ Aromen im Glas, die man von solch einer Lage erwarteten würde. Achim Becker sprach 2015 davon, dass sich der Wein (in der Magnum) wieder etwas verschließen würde, ich denke aus unserer Normalflasche war er ziemlich offen, präsentiert sich jetzt gut. Ein paar Jahre Lagerung sind aber bestimmt kein Fehler.

Weingut Klaus Keller Riesling Abtserde GG Vertikale

2012: Bisher der alkoholischste Wein in der Nase. Viel Frucht, aber auch insgesamt ein gutes Gleichgewicht aus Säure und Extrakt. Hat eine sehr reife, runde Säure. Die Anlagen sind da, andererseits lässt einen dieser Wein auch etwas ratlos zurück. Da ist eigentlich alles drin und alles am Platz. Dennoch will sich kein rechter Trinkfluß einstellen. Mich erinnert das daran, dass Frank Schönleber anlässlich der großen Emrich-Schönleber-Vertikale, erwähnte, dass 2012 für ihn als Winzer ein müheloser Jahrgang gewesen sei, der aber bis jetzt in den Weinen etwas hinter die ihn gesetzten Erwartungen zurückgeblieben sei. Abwarten.

2013: Nun aber der größtmögliche Kontrast zu 2012. So groß wie die Erwartungen bei 2012 waren in 2013 nur die Befürchtungen. Der Wein ist in der bisherigen Reihe mit Abstand der Mineralischste. Hier kommt auch zum ersten mal die Assoziation „Salz“, wenn man den Wein auf der Zunge hat. In der Nase wirkt der Wein kühl, hat etwas Minze und ist noch etwas verhalten aber durchaus schon gut genießbar. Auf der Zunge dann viel mineralischer Grip (ohne Bitternoten). Zeigt seine erste Reife in der sich einstellenden Harmonie zwischen den Komponenten. Hier würde ich ohne zu zögern die 94 Punkte zücken.

2014:
Man merkt das Jahr Unterschied, zum Vorgänger. Mehr helles, gelbes Steinobst, etwas Thymian, wirkt noch sehr jung und etwas unruhig. Hat gute Anlagen und man sieht die Verbindung zum 13er, der aus einem ebenfalls kühlen und nicht ganz einfachen Jahr stammt. Ich würde das Potential des 14ers etwas hinter dem des Jahrgangsvorgängers einordnen.

2015: Nochmals wesentlich primärfruchtiger, fast schon etwas unnatürlich dropsig. Hier lässt sich nur in Ansätzen erahnen, was uns in ein paar Jahren erwarten wird. Der Wein wirkt in seinem Extrakt und der gesamten Bauart filigraner und etwas schlanker als zum Beispiel der 13er. Eine sinnvolle Bewertung finde ich derzeit schwierig. Dennoch scheinen sich die Abtserden ja relativ schnell zu fangen und ich denke, dass wir hier in 2-3 Jahren schon deutlicher sehen werden, wohin die Reise geht. Das als Apero gereichte 15er Kirchspiel ist dagegen schon wesentlich trinkbarer und zeigt eine sehr animierende Tabaknote und eine zwar präsente und animierende aber nicht spitze Säure.

Der Rheinhessische Spitzenwinzer Klaus-Peter Keller

Fazit:
Ich fand am Ende des Abends drei Dinge bemerkenswert. Zum Ersten gab es echte Überraschungen, was die Jahrgänge angeht. Ich hätte nie gedacht, dass der 2006er oder der 2011er so großartig ist. Zum anderen blieben die kühlen Jahrgänge 2008 und 2010 etwas hinter meinen Erwartungen zurück.

Zum Zweiten scheinen die Weine ab dem Jahr 2013 eher auf einer gewissen geschmacklichen Linie zu liegen, als die Jahre davor. Was uns zu der zentralen Frage bringt, ob es etwas wie eine „Abtserde-Charakteristik“ gibt. Da bin ich etwas ratlos. Im Gegensatz zu etwa dem „Halenberg“ von Frank Schönleber würde ich mir nicht zutrauen, die Abtserde blind in einer Probe zu erkennen. Auch vielleicht wegen der doch recht großen Spannweite der Weine über die Jahrgänge. Aber vielleicht wird das Bild in den nächsten Jahren noch etwas klarer.

Der dritte Punkt greift die, im Eingang gestellte Frage nach den Preisen auf, und hier ziehe ich für mich das Fazit, dass einige der Weine unbestritten Größe zeigen, dass sie aber nicht derart „alternativlos“ sind, wie uns dass die aktuelle Nachfrage suggerieren möchte.

Dies tröstet vielleicht all jene etwas, die nicht die Möglichkeit haben, die derzeit auf dem Sekundärmarkt aufgerufenen Preise zu bezahlen. Übrigens gibt es davon abgesehen, ja nach wie vor auch die Möglichkeit, die Weine des jeweils aktuellen Jahrgangs, ab Gut zu beziehen (hier gilt es allerdings, über Verkaufsstarttermine gut informiert und dann schnell zu sein, denn manche besonders begehrten Weine sind dort bereits wenige Tage nach Verkaufsstart ausverkauft).

Klaus-Peter Keller mit seinen extrem lockerbeerigen Riesling-Trauben in der Lage Abtserde.

Mrz 16

Internationales Spätburgunder Symposium 2017

Romana Eschensperger, MW beim International Pinot Noir Symposium 2017

Bei immer mehr Weinfreunden im In- und Ausland ist inzwischen angekommen, dass in Deutschland neben dem Riesling auch mit einer roten Rebsorte in die absolute Weltspitze vorgedrungen ist. Erzeuger wie Bernhard Huber, Paul Fürst, Markus Molitor und Jean Stodden landen mit Ihren Pinot Noir (wie die Rebsorte außerhalb des deutschen Sprachraums genannt wird) regelmäßig an der Spitze internationaler Verkostungspanels. Dabei gibt es kaum eine Rebsorte, deren Weine so unterschiedlich geraten können wie beim Spätburgunder. Anlass genug, den Ursachen für die Unterschiede mal etwas auf den Grund zu gehen. Zum dritten Mal nach 2014 und 2012 fand am vergangenen Wochenende in Bad Neuenahr, im Spätburgunder-dominierten Weinbaugebiet Ahr gelegen, das Internationales Spätburgunder Symposium statt.

Die Hälfte der Vorträge wurde in Englisch gehalten, die andere Hälte auf Deutsch. Beides simultan übersetzt von Peter Gebler, dem einzigen in Deutschland lebenden Cape Wine Master (1995). Dies war wichtig wegen der großen Zahl internationaler Teilnehmer, meist Sommeliers aus der Spitzengastronomie von Skandinavien über Kanada bis nach Asien, die auf Einladung des Deutschen Weininstituts an die Ahr gekommen waren. Durch das Programm führte Romana Eschensperger, eine von acht Deutschen, die den Titel Master of Wine führen dürfen. Die in den 50er Jahren in London gegründete Ausbildung/Prüfung für Weinexperten gilt als die schwierigste Herausforderung in der Weinwelt. Derzeit gibt es 356 Masters of Wine aus 29 Ländern.

Neben der Moderation hielt Romana Eschensperger auch einen Vortrag, ihr Thema war die Rolle des Spätburgunders bei der Schaumweinbereitung. Von den rund 30.000 Hektar Spätburgunder in Frankreich stehen nur rund 10.000 im für diese Rebsorte berühmten Burgund aber 13.000 in der Champagne. Nur ein Bruchteil davon wird für Rosé-Schaumweine verwendet, das Allermeiste wird als Blanc de Noirs weiß gekeltert, womit Pinot Noir auch für weiße Spitzenschaumweine die wichtigste Rebsorte neben Chardonnay ist. Ähnlich ist das Bild in vielen anderen Regionen, die für hochwertige Schaumweine bekannt sind (Franciacorta, Trentodoc, Cremant) und eben auch beim Sekt aus Burgunderrebsorten in D/A/CH.

Im Glas hatten wir dabei:
2013 Pinot brut nature von Griesel & Co, Hessische Bergstraße, Deutschland
2012 Rouge de Noirs brut, Pinot Noir, Schug Carneros Estate Winery, Sonoma, USA
Champagne Wintertime Blanc de Noir brut, Vranken Pommery, Frankreich

Anne Krebiehl, MW beim International Pinot Noir Symposium 2017

Anne Krebiehl, ebenfalls Master of Wine, berichtet über die unterschiedlichen Traditionen und Vorlieben bei Spätburgunder-Klonen in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und den USA. Weinreben werden nicht gesät, sondern mit Stecklingen geklont. Bei einigen Rebsorten gibt es dabei große Unterschiede zwischen den einzelnen Klonvarianten (zB Beerengröße, Schalendicke, Wuchsstärke, Reifezeit, Tannin, Intensität und Ausprägung von Fruchtaromen). So auch beim Spätburgunder, der im Extrem vom leichten Erbeersaft bis zur tiefschwarzen Tinte geraten kann. Anne Krebiehl berichtet neue Forschungseergebnisse, erklärt den geschichtlichen Hintergrund der Klonkultur und hinterfragt den Kult um den Klon Nr. 777 aus Dijon (Burgund). Und habe ich lieber uralte Rebstöcke aus einem alten Klon, bei dem die Selektion darauf ausgelegt war, bei deutlich kühlerem Klima noch halbwegs reif zu werden und einen möglichst hohen Ertrag einzufahren oder pflanze ich lieber neu mit Klonen, die bei niedrigem Ertrag hohe Qualität ermöglichen? Und natürlich die Geschichte der Gumboot Clones, also wie der Zollbeamte Malcom Abel dafür gesorgt hat, dass Klone von DRC ihren Siegeszug in Neuseeland antreten konnten (googlen).

Im Glas hatten wir dabei:
2014 Hecklinger Schlossberg GG, Weingut Bernhard Huber, Baden (Klon 777)
2014 Neuenahrer Sonnenberg GG, Weingut Jean Stodden, Ahr (Marienfelder)
2014 Terra 1261, Weingut Benedikt Baltes, Franken (Ritterklon)

Steve Price, PhD beim International Pinot Noir Symposium 2017

Steve Price, PhD berät die Weinbranche an der US-Westküste und in Australien beim Gerbstoffmanagement, also dem Umgang mit Phenolen und Bitterstoffen. Ein gewisses Maß an Gerbstoffen ist im Wein erwünscht, weil sie zur Alterungsfähigkeit beitragen. Zuviel oder die falsche Art von Gerbstoffen kann den Wein aber schnell unharmonisch und bitter machen. Klassische Quellen für Gerbstoffe sind die Traubenschalen, die Traubenkerne und der Holzeinsatz (mittlerweile kann man Tannin auch als Pulver kaufen). Price widmete sich im Vortrag vor allem den Kernen und erklärt, welchen Rolle das Klima in den Weinberge dabei spielt, was sich beeinflussen lässt und was nicht. Viel Wissenswertes um den eigenen Pinot Noir Weinstil auch angesichts der Klimaveränderungen im Griff zu halten. Price zeigt auch auf, wie sich Phenole beim Pinot von anderen roten Rebsorten unterscheiden. Daneben stellte er die Pinot-Anbaugebiete in Kalifornien und Oregon etwas genauer vor.

Carsten Henn, Chefredakteur GaultMillau Weinguide Deutschland beim International Pinot Noir Symposium 2017

Carsten Henn, Chefredakteur des GaultMillau Weinguide Deutschland widmete seinen Vortrag den sehr wenig bis gar nicht geschwefelten Weinen, die gerade als Natural Wines in Szene-Weinbars von Berlin über Kopenhagen bis New York in Mode sind. Warum macht man das, welche Risiken bestehen, wie ist das Lagerpotential, und was muss beim Ausbau beachtet werden (zB: extrem sauber, möglichst hohe Säure/niedriger ph-Wert). Außerhalt der Edelgastronomie sind Natural Wines Käufer sehr preissensibel und es geht wenig über 15-20 Euro. Der von Dirk Würtz im Weingut Balthasar Ress kreirte Caviar de Pinot ist da mit 65 Euro eine klare Ausnahme.

Im Glas hatten wir dabei:
2015 Pinot Noir Landwein Oberrhein von Enderle & Moll, Baden, SO2 frei: 26 mg/l gesamt: 55 mg/l
2015 Pinot Noir Landwein Oberrhein von Enderle & Moll, Baden, maximal 10-15mg/l natürliche SO2
2013 Pinot Noir „Caviar de Pinot“, Qualitätswein, Balthasar Ress, Rheingau, SO2 frei: 10 mg/l gesamt: 45 mg/l
2013 Pinot Noir „Caviar de Pinot“, Qualitätswein, Balthasar Ress, Rheingau, SO2 frei: 0 mg/l gesamt: 30 mg/l

Prof. Ulrich Fischer (Neustadt) beim International Pinot Noir Symposium 2017

Prof. Ulrich Fischer vom DLR in Neustadt (Pfalz) stellte eine Vielzahl der technichen Stellschrauben vor, mit denen beim Weinausbau auf Farbe, Aromen und Intensität der Frucht, Gerbstoffart & -gehalt, Reifegeschwindigkeit & -Potential Einfluss genommen werden kann.

Im Glas hatten wir dabei sieben Versuchsweine:
– ohne Sonderbehandlung
– mit Maischeschwefelung 120 mg/l SO2
– 5 Tage Kaltmazeration bei 5 Grad Celsius
– 2 Tage Nachextraktion bei 38 Grad Celsius
– 20% Saftentzug
– 50% ganze Beeren
– Kaltmazeration, Saftentzug, Kernaustrag, 50% ganze Beeren & 2 Tagen Nachextraktion bei 38°C

Renzo Cotarella, CEO and Chef Weinmacher von Marchesi Antinori beim International Pinot Noir Symposium 2017

Den abschließenden Vortrag hielt Renzo Cotarella, CEO und langjähriger Chef Weinmacher bei Marchesi Antinori. Er präsentierte Pinot Nero von hochgelegenen Weingärten in Umbrien, wo auf sedimentären und vulkanischen Böden auf 340 – 460m spannende Pinots entstehen, wo sich der Kampf gegen noch höhrere Alkoholwerte aber Jahr für Jahr verschärft.

Im Glas hatten wir dabei:
2013 Pinot Nero IGT Castello della Sala, Umbrien, Italien, 14,5%
2010 Pinot Nero IGT Castello della Sala, Umbrien, Italien, 14,5%

Mrz 14

ADAC-Reisen präsentiert E-Book: Weinreise durch Italien

ADACReisen E-Book Weinreise durch Italien
In der Serie seiner kostenlosen E-Books präsentiert ADAC-Reisen das neue E-Book Weinreise durch Italien. Auf 76 Seiten geht es durch alle vier Jahreszeiten in den bekannten Weinregionen Italiens. Zu Wort kommen die Italien- und Weinexperten Michael Liebert (Sommelier und Autor), Steffen Maus (Autor des derzeitigen deutschsprachigen Standartwerks Italiens Weinwelten), Jürgen Röder (Weinexperte des Handelsblatt), Tobias Treppenhauer (bloggt unter Weinlakai und verkostet für den kostenpflichtigen Newsletter WeinWisser), Nicola Neumann (auf Schaumwein spezialisierte Weinhändlerin) sowie der Autor dieser Zeilen. Viel Wissenswertes über die verschiedenen Weinregionen und ihre typischen Weinarten, interessante Ausflugsziele, Übersichtskarten, schöne Fotos und die Adressen aller (rund 60) erwähnten Weingüter. Da sollte für jeden Weinfreund etwas lesenswertes dabeisein.

Da E-Book gibt es kostenlos und ohne jegliche Registrierung oder Bedingung (anderswo werden kostenlose E-Books oft zwingend mit Anmeldung zu irgendwelchen nervigen Newslettern verknüpft) auf dieser Seite von ADAC-Reisen: www.adacreisen.de/e-book-weinreise-italien.html

ADACReisen E-Book Weinreise durch Italien

Mrz 09

ProWein 2017 Tweet Wall / Twitter Wall


Vom 19.-21. März findet in Düsseldorf die ProWein 2017 statt. Hier gibts ständig die neusten Tweets zur ProWein 2017 und auf der Weinkaiser-Facebookseite findet ihr während der Messe wie immer einen kommentierten Fotostream.

Hier noch mal die Link zum den kommentierten Fotosammlungen früherer Jahre:

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2014 (111 Fotos). Bei der Prowein 2014 gab es noch zwei weitere Weinkaiser-Fotoserien: von der Challenge Euposia Verleihung und der Caractères & Terroirs de Champagne Veranstaltung.

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2013 (57 Fotos)

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2012 (112 Fotos)

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2011 (90 Fotos).

Das Veranstaltungsprogramm der ProWein 2017 kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden und in der Veranstaltungsdatenbank online durchsucht werden.

Falls Sie oberhalb dieses Textes nicht die Twitterwall sehen (hier ein Screenshot, wie es ausschauen sollte), sollten Sie überprüfen, ob Javascript eingeschaltet ist (das wäre erforderlich) oder ein Skriptblocker das Twitter-Plugin blockiert…

ProWein 2017 Hallenplan / Messeplan

In diesem Jahr ist auch schon den kompletten Samstag über in Düsseldorf einiges an spannenden Veranstaltungen geboten. Ein kleiner Weinkaiser-Fahrplan für den ProWein-Samstag folgt noch an dieser Stelle. Details zu den Terminen wie immer auf unserer Weinkaiser Terminseite

Mrz 07

Riesling SWAG 2017 in Hamburg

Riesling SWAG
Riesling’s coming home – Wie der „Riesling SWAG“ entstand und wie er funktioniert!

Würde die berühmte gute Fee in deinem Weinkeller erscheinen, und dich fragen, wie das perfekte Weindinner eigentlich aussehen sollte, wie wäre deine Antwort? Als aller erstes gäbe es verdammt viele Weine, großartige Weine, erlesene Tropfen, jeweils die Quintessenz der Rebsorte. Als zweites sollten bei solch einem Bacchanal möglichst viele gleichgesinnte Weinfreunde dabei sein. Die Weine wollen ja auch getrunken werden. Und drittens wäre etwas zu Essen hilfreich, man möchte die Weine ja nicht „trocken“ genießen.

Für den Riesling gibt es so eine Veranstaltung schon – es ist die „Rieslingfeier“, die seit einigen Jahren immer in New York stattfindet. Mit der gleichen Regelmäßigkeit geht jedes Jahr eine Welle des Staunens durch die sozialen Medien, wenn auf den Fotos der „Rieslingfeier“ die getrunkenen Weine zu sehen sind. Feine und feinste Auslesen der besten Jahrgänge reihen sich an rare trockene Rieslinge von Koehler-Ruprecht oder Klaus-Peter Keller. Besonders beeindruckend ist dabei das „demokratische“ Element der Feier: Die Winzer und die Gäste steuern eine ähnliche Menge an Raritäten zur Begleitung des Dinners bei.

Letztes Jahr war es dann wieder so weit: Geleerte Weinflaschen im Wert einer mittelgroßen Vorstadtsiedlung auf Facebook, zufriedene Gesichter, so viele deutsche Winzer in New York, dass der VDP dort einen eigenen Ortsverband hätte eröffnen können. Der Ruf wurde laut, solch ein Dinner unbedingt auch in Deutschland abzuhalten.

Da sowohl Recycling als auch gute Ideen vom Mitmachen leben, hatten Stephan Bauer, Christoph Raffelt und ich die Idee, den Riesling zurück nach Deutschland zu holen, und ein glamouröses Riesling-Feuerwerk in Hamburg abzubrennen. Weil wir ja erstens unsere eigenen gigantischen, mehrstöckigen Weinkeller in Hamburg haben und die sympathische Hansestadt mit jetzt endlich fertiggestellter Philharmonie sowieso die nach New York zweitschönste Stadt der Welt ist.

Wir werden ähnlich wie im Big Apple Vertreter von elf ausgesprochenen Spitzenweingütern dabei haben: Egon Müller, Joh. Jos. Prüm, Schloss Lieser, Geltz-Zilliken, von Othegraven, Wittmann, Koehler-Ruprecht, Dr. Bürklin-Wolf, P. J. Kühn, Wagner-Stempel und Gut Hermannsberg. Trocken oder restsüß, Moseleleganz, Saarfinesse und die Kraft der Rheinweine – für jeden Geschmack sollte da etwas dabei sein. Jedes der Weingüter wird einen Tisch im Restaurant VLET in der Speicherstadt übernehmen. Zusätzlich wird es pro Tisch einen Sommelier geben, der die Zuordnung der Weine zum Menü übernimmt und so für die optimale Harmonie von Wein und Speisen sorgt. Klingt glamourös? Ist es auch, und wie im Hip Hop das Wort „Swag“ für eine mit dem größtmöglichen style durchgeführte Aktion steht, werden wir mit dem „Riesling SWAG“ unserer Lieblingsrebsorte zu einer Feier mit Stil verhelfen.

Was sowohl die Rieslingfeier als auch den Riesling SWAG aus der Masse der hochklassigen Verkostungen heraushebt, ist das Element des gemeinsamen Genießens und des Teilens von Erlebnissen und Weinen. Jeder der Gäste wird eine oder mehrere Flaschen Riesling seiner Wahl mitbringen, um sie mit seinen Tischnachbarn und den interessierten Gästen anderer Tische zu teilen. So hat jeder Gast nicht nur den Genuss der Weine des Weinguts am Tisch sondern auch Teilhabe an den Weinen der anderen Gäste. Die Großzügigkeit aller ist hier ein Gewinn für jeden Einzelnen. Wir werden oft gefragt, wie denn nun der passende Wein für die Veranstaltung aussehen soll? Überlegt euch, was für einen Riesling ihr schon immer einmal bei einer besonderen Gelegenheit mit Freunden probieren wolltet, und um den ihr bis jetzt immer herumgeschlichen seid. Der Riesling SWAG ist eure besondere Gelegenheit!

Alles weitere und die Möglichkeit zur Anmeldung findet ihr hier: www.riesling-swag.de

Das Team des SWAGs freut sich auf euch!

PS: Da wir das Dinner nur veranstalten, weil wir Freude am gemeinsamen Riesling-Genuss haben, werden wir eventuell anfallende Überschüsse einer gemeinnützigen Organisation spenden.

Von Othegraven Kanzemer Altenberg Riesling TBA 2011

Jan 04

Warum ich gerne Etikettentrinker bin und das auch zugebe

Egon Müller Scharzhofberger feinste Auslese 1949

von Marc Herold

Hähne, Kanonen, Schiffe, Eisenbahnen, jede Art von Getier und mindestens doppelt so viele Wappen mit Sinnsprüchen für jede Lebenslage – es gibt wohl nichts, was nicht schon einmal auf einem Weinetikett abgebildet wurde. Jeder von uns stand wohl schon einmal vor der Aufgabe aus dem Etikett eines Weins wenigstens ein mittelmäßiges Lösemittel für die Frage nach dem Inhalt der Flasche zu destillieren. Grob gesagt gibt es dabei drei Schulen der Vorgehensweise zur Lösung dieses Problems: Zum einen die, welche ich die „protestantische“ nennen möchte. Hier wird davon ausgegangen, dass jeder Pomp von Übel ist und es nur auf den Geist der (oder in der) Flasche ankommt. Das Etikett kann also gar nicht schlicht genug sein, alles Ornament dient lediglich der schnöden Ablenkung vom Inhalt.

Langwerth von Simmern Hattenheimer Mannberg Riesling Auslese 1969

Die zweite Schule ist folgerichtig die „katholische“: Wer einen dramatischen Wein sucht, dessen Opulenz auf einer Stufe mit barocken Altarbildern des Alpenraums steht, wird sich eher an maximalgoldene Etiketten halten, die so verschnörkelt wirken, wie es vom Wein erwartet wird.

Berres Erdener Prälat hochfeine Auslese 1969

Die dritte Schule ist eher durch die Verwerfungen der Postmoderne gekennzeichnet – es ist die Schule des „Je hässlicher das Etikett, desto besser der Wein“. Meiner Meinung nach ist das eine Strategie, die besonders bei Champagnern funktioniert.

Maximin Grünhaus Herrenberg 1970

Unabhängig davon, wie man auf Etiketten reagiert, der Käufer wird immer (oder zumindest wenn der Akku des Smartphones mit der Cellartracker App leer ist) versuchen aus dem Etikett eine Botschaft über den Charakter des Weines abzuleiten.

Aschrott Hochheimer Hölle Riesling Spätlese halbtrocken 1986

Für mich als „hauptsächlich Riesling-Trinker“ bestand die Etikettenwelt dann auch bis vor ungefähr zehn Jahren überwiegend aus einem fast unübersehbarem Heer an Papier mit mehr oder weniger vielen und großen Wappen über oder unter dem Etikett wenn der Wein aus dem Rheingau kam, oder dem typischen Mosel-Etikett mit Blick auf das Gutsgebäude und der links davon angebrachten Information, dass die Mitglieder des VDP „Lagen von Weltruf besitzen“.

Domdechant Werner Hochheimer Rauchloch Riesling Spätlese 1966

Während aber die Winzer von Mosel, Saar und Ruwer mit nahezu buddhistischer Gleichmut an den traditionellen Etiketten festhielten, wurde im Rheingau seit den 80ern auf den Etiketten viel experimentiert. Wenn das Management im Fußball nicht mehr weiter weiß, folgt meist ein Trainerwechsel. Im Rheingau wurde im Fall des meist etwas verschwommenen Wunsches nach Veränderung erst einmal das Etikett gewechselt. Am deutlichsten wurde das bei den Staatsweingütern im Rheingau, deren preußischer Adler auf dem Etikett bis in die Mitte der 70er Jahre über die makellose Qualität in der Flasche wachte, der aber in den 90er Jahren nur noch seltsam verkleinert auf einem der lieblosesten Etiketten des ganzen Rheingaus geduldet wurde und mittlerweile idR ganz verschwunden ist.

Kloster Ebersbach Rüdesheimer Berg Rottland Riesling Eiswein-Auslese 1971

Hier ist es müßig zu überlegen, ob zuerst die Qualität in der Flasche schlechter wurde, und dann das Etikett angepasst wurde, oder ob sich die geschmackliche Qualität des übersehbaren Lables auf das Gemüt der Weinmacher und dann auf den Wein übertragen hat.

Schloss Johannisberg Riesling Spätlese 2002

Dagegen zeigt die Entwicklung der „Weinvisitenkarte“ von Schloss Johannisberg, wo man für mich bis in die 70Jahre nicht nur die beeindruckendsten Weine des Rheingaus erzeugte sondern auch das schönste Etikett besaß, wie eine Phase der schwankenden Qualität überwunden werden konnte indem man sich sowohl bei der Weinerzeugung als auch bei der Optik von alter Größe leiten ließ. Wirkte deren Etikett in den 80ern und frühen 90ern künstlich und grob, begeistert jetzt wieder der stahlstichartige, feine Blick auf das Schloss, wenn man eine Flasche des Weinguts in die Hand nimmt.

Schloss Eltz Eltviller Langenstück Riesling Beerenauslese 1917

Die Mosel mit ihren Nebenflüssen ist bei genauer Betrachtung dann auch nicht nur ein Hort der Etikettendenkmalpflege sondern bietet hier auch zwei weiteren Gruppen von Gestaltern eine Spielwiese. Zum einen gibt es hier ein Hand voll neuer Etiketten, die sich mit Absicht von jeglichem Historizismus abgrenzen. Klar, wieder erkennbar und elegant begeistert mich beispielsweise die Gestaltung des von Othegraven-Etiketts sehr, auch wenn ich lange an dem Lindgrün des 70er Jahre Flaschenaufklebers hing.

von Hövel Scharzhofberger Riesling Auslese 1983

Zum andern kann man an der Mosel einen Trend erkennen, der deutschlandweit beobachtbar ist – nämlich das Auftauchen von Flaschengestaltungen, die sich an einer Art-Neo-Jugendstil orientieren. Julian Haart hat hier vor ein paar Jahren mit einem pflanzenrankenden und dennoch klaren Etikett Maßstäbe gesetzt. Stefan Steinmetz und Christian Hermann haben mit ihrer Entscheidung ein ebenfalls am Jugendstil orientiertes Flaschenäußeres zu wählen für mich einen großen Coup gelandet. Da ja am Ende des 19ten und am Anfang des 20sten Jahrhunderts der Moselwein weltweit gefragt und begehrt war, liegt solch eine gestalterische Entscheidung nahe, doch erscheint es zunächst seltsam, warum grade die Etiketten aus dieser Zeit auf die Weinfreunde eine so große Anziehungskraft ausüben. Zum Einen ist es so, dass die Qualitätsikonen des Gebiets wie Egon Müller oder Maximin Grünhaus auch nahezu unverändert Designs aus dieser Zeit verwenden.

von Hövel Oberemmeler Hütte Riesling Auslese 1993

Andererseits gibt es auch kaum eine Epoche, deren Faszination für die Formen der Natur so gut mit unserem heutigen Idealbild vom Wein in Einklang steht. Die Formen der Natur sind „schön an sich“, es erscheint so, dass die konstruktions- und technikorientierte Gestaltungskraft der Schönheit einer Rebranke nur wenig entgegenzusetzen hätte. Carl Blossfeldt würde heute Wein in Amphoren erzeugen statt zu fotografieren. Dass das idyllischste und zugleich eleganteste Jugendstiletikett des von Schubert’schen Ritterguts mit dem Eintritt eines Stahlmagnaten in die Weingeschichte der Ruwer verknüpft ist, erscheint in diesem Zusammenhang wie ein 100 Jahre überspannender Treppenwitz der Geschichte.

Apollinar Joseph Koch Scharzhofberger Spätlese 1971

Liegt die Zukunft des Weinetiketts also in seiner Vergangenheit? Eins ist sicher, wir werden auch in Zukunft erst beim Öffnen der Flasche wissen, ob das Versprechen (oder die Drohung) des Stück Papiers auf dem Glas eingelöst wird. Wir werden aber auch in Zukunft immer Etikettentrinker bleiben, ob wir wollen oder nicht.

PS: Und jetzt werde ich eine Flasche Willi Schaefer Riesling öffnen und mich zum hundertsten Mal fragen, warum so eine grandioses Weingut immer noch eins der skurrilsten Etiketten der gesamten Mosel hat. 😉

Joh. Jos. Prüm Wehlener Sonnenuhr Riesling Spätlese 1995

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