Aug 28

Start der Initiative Blogger für Flüchtlinge

http://www.blogger-fuer-fluechtlinge.de/

Obwohl über die Kriege im nahen Osten und in diversen afrikanischen Staaten seit Jahren berichtet wird, war Europa auf den aktuellen Flüchtlingsstrom nicht ausreichend vorbereitet. Auf der kompletten europäischen Flüchtlingsroute von Italien oder Griechenland bis Deutschland finden sich diverse staatliche Stellen, die (trotz meist guten Willens) komplett überfordert sind.

Dazu kommen nahezu täglich Brandanschläge auf Notunterkünfte und tätliche Angriffe von Nazis auf Flüchtlinge.

Die vier bekannten Blogger Nico Lumma, Stevan Paul, Karla Paul und Paul Huizing haben die Initiative Blogger für Flüchtlinge gegründet, die helfen möchte, bereits bestehende und aktive Hilfsprojekte – regionale wie überregionale – die inzwischen an ihre Grenzen gekommen sind, mit Geld- und Sachspenden zu unterstützen und gleichzeitig auch zeigen will, dass die, die gerade besonders laut und aggressiv gegen Menschlichkeit anschreien deshalb noch lange nicht in der Mehrheit sind.

Es gibt dort diverse Links auch in Eure Region. Da die Links alle auf Deutschland bezogen sind, hier im Blog aber auch viele Österreicher mitlesen: Bei Euch gibt es diverse ähliche Projekte, z.B. dieses hier Flüchtlinge-willkommen.at

Schaut Euch die Projekte an und wenn Ihr an der ein- oder anderen Stelle die Möglichkeit habt, unterstützt sie bitte.

Setzt durch Euer Engagement ein klares Zeichen, dass (geistige) Brandstifter und die, die derzeit an einigen Orten der Republik (nicht nur im Osten) auf der Straße stehen und zwischen faschistischer Hetze immer wieder brüllen, sie seien das Volk, nicht die Mehrheit der Menschen unseres Landes repräsentieren.

Leistet Widerstand gegen Fremdenhass

Wenn Euch bei Facebook ausländerfeindliche, rassistische oder schlicht volksverhetzende Beiträge auffallen, meldet sie bei Facebook zur Löschung und stellt in extremen Fällen auch Strafanzeige.

Helft bitte, diesen Aufruf und die Idee dahinter weiterzutragen. Unter dem Hashtag #BloggerfuerFluechtlinge findet ihr bei Twitter und Facebook bereits unzählige Beiträge zum Thema.

Danke!

Aug 27

Wilhelm Weil bringt die Weinwelt zum Skat

Weinkaiser Skat mit Alejandro Fernández im Restaurant Luna Llena des Pesquera AF Hotel in Peñafiel (Ribera del Duero)

Unaufgefordert Weinpakete zur Verkostung in der Post zu haben, ist für Weinjournalisten nichts Ungewöhnliches. Dieses war anders. Neben Großen Gewächsen aus dem Gräfenberg lagen zwei Päckchen Skatkarten im hellblauen Weil-Gewand im Karton. Der Tenor des beigefügten Briefs von Wilhelm Weil klang ein wenig nach Beckenbauer:

Gehts raus und spielts Skat.

Genauer: Wir sollten an spannenden Orten der Weinwelt mit bekannten Nasen des Planet Wein ein paar Gläser Gräfenberg GG beim Skat genießen und ein Foto davon an zu ihm zurückschicken. Das war Anfang Herbst 2014.

Die Idee zu den Skatkarten im Design der Weil-Etiketten hatte vor etwa drei Jahren Jochen Becker-Köhn, von Kennern des berühmten Rheingauer Riesling-Châteaus gerne mit einem Augenzwinkern „die rechte und die linke Hand von Wilhelm Weil“ genannt. Seit Becker-Köhn 1998 von Weil nach Kiedrich geholt wurde, hat er viel zum Aufstieg des Betriebs zu einer der wenigen deutschen Wein-Ikonen beigetragen und ist als Verkaufsleiter und stellvertretender Gutsdirektor klar die wichtigste Stütze des Patrons.

Jochen Becker-Köhn (JBK)

Letzte Woche wurde er 60 Jahre alt. Idealer Zeitpunkt eine zünftige Geburtstags-Überraschung. Eine Handvoll der Bilder mit Weil-Skatblättern sind zwar im letzten Jahr auch bei Facebook aufgetaucht aber die großangelegte Aktion, zu der mehrere hundert Persönlichkeiten der nationalen und internationalen Weinwelt persönlich eingeladen und um vorübergehendes Stillschweigen gebeten wurden, blieb tatsächlich geheim. Mit einer Auwahl der eingesandten Bilder ließ Wilhelm Weil ein mehr als 200-seitiges Fotobuch zusammenstellen. Allerdings nicht nur ein Exemplar als Geschenk für JBK oder 200 für die Einsender der Bilder sondern eines für alle, die auf einem der Fotos zu erkennen sind, also sicher an die tausend Exemplare für all die Winzerkollegen, Händler, Köche, Sommeliers und Journalisten die mitgemacht haben.

Der Jochen Becker-Köhn gewidmete Bildband: Große Weine - unser Leben

Mein Beitrag zu der Aktion ist das Titelbild dieses Beitrags, beim Skat mit Spaniens Winzerlegende Alejandro Fernández in der Enotheka des Pesquera Hotel in Peñafiel (Ribera del Duero). Der 83-jährige Alejandro Fernández, Gründer und Kopf von (Tinto Pesquera), einem der allerbesten Weingüter Spaniens, spricht zwar weder deutsch noch englisch, ist aber (im Zweifel mit Händen und Füßen) seit Langem ein Freund des Weinguts Robert Weil. Bei einer Raritätenverkostung in Kiedrich habe ich ihn auch erstmals getroffen, als renommierte Weinjournalisten und andere bekannte Gastwinzer mich um gemeinsame Fotos mit ihm gebeten haben.

Alejandro Fernández zu Gast im Weingut Robert Weil

Ein paar solcher Fotos hatte ich bei meinem Besuch auf Pesquera im Gepäck, so dass das Eis schnell gebrochen war. Die beiden „Skatfreundinnen“ (O-Ton im Buch) im Bild sind die Sommelière des Pesquera Hotels (neben mir) und eine Mitarbeiterin der D.O. Ribera del Duero, die uns den ganzen Abend mit sehr viel Charme als Übersetzerin unterstützte (links).

Je eine Auswahl weiterer Skatfotos findet sich auf der Webseite des Weinguts Robert Weil und in diesem Facebookposting.

Wilhelm Weil und JBK bei einem Event des VDP Rheingau am Rheinufer in Erbach

Jul 31

Wein & Prosa – Eine Weinrallye ohne Wein

Weinrallye (Illustration: Florian Steffens)

Wein und Prosa – Eine Weinrallye ohne Wein

Oder: „Hans Castorp, Patrick Bateman und ich“
oder „Warum keiner über Wein schreibt“
oder „Warum wir trotzdem Wein trinken sollten“

Von Marc Herold

Wein und Prosa. Tolles Thema, denkt man sich, knackt innerlich schon mit den Fingerknöcheln, legt ein neues Word-Dokument an, dreht die Musik leiser, lässt die gelesenen Bücher Revue passieren und schreibt dann erst einmal: Nichts! Bei näherem Nachdenken fällt auf, dass Wein zwar in Romanen vorkommt, aber fast immer keine Rolle spielt, und wenn er er denn vorkommt, geht es nur um Rotwein, Bordeaux, Weißwein, und nicht um einen konkreten Wein. Selbst in Thomas Manns „Zauberberg“ wird zwar oft und gern dem Wein zugesprochen, aber selbst in dem alkoholischsten Kapitel „Mynheer Peeperkorn“ wird neben, Likör, Apricot Brandy, einem „fruchtigen Schweizer“ nur Champagner von „Mumm & Co., Cordon rouge, très sec“ konkret genannt. Am ersten Abend seines Erscheines in Davos leert Hans Castorp zusammen mit seinem Vetter Ziemsen zwar noch eine Flasche Guraud Larose; er befasst sich dann aber mit so ziemlich allem, was ihn gedanklich seiner angeschmachteten Russin näherbringt oder ihm im Kampf mit dem Mystiker Naphta und dem humanistisch rationalen Settembrini nützlich erscheint.

Als der Alkohol durch die Gestalt des dionysischen Peeperkorn in das Aufmerksamkeitsfeld Castorps gerät, ist die Schlacht zwischen Ratio und Mystik geschlagen, unser „Sorgenkind des Lebens“ ist längst hoffnungslos verstrickt in ein Netz aus Sehnsucht, Projektion und melancholischen Grübeleien. Peeperkorn gelingt es in der eingangs erwähnten Szene nicht Champagner in das Blut Christi oder auch nur das Blut irgend einer anderen Gottheit zu verwandeln, sein Zauber bleibt wirkungslos, die Schar seiner Jünger zerfällt. Vielleicht können wir an dieser Szene eine Idee davon bekommen, warum Wein als Methapher oder Symbol so sparsam eingesetzt wird: Wein ruft automatisch Assoziationen an das letzte Abendmahl hervor, die christlichen Konnotationen lassen sich nicht vermeiden Weiterlesen »

Jul 22

Champagne Gosset – stille Stars in Epernay

Champagne Gosset Grand Rosé

In der Champagne sprechen alle von Tradition. Die sei wichtig. Und kaum jemand hat davon so viel vorzuweisen wie Gosset.

Gosset war das erste Weinhaus der Region. Bereits seit einigen Jahren als Winzer und Weinhändler aktiv, gründet Pierre Gosset (damals auch Bürgermeister von Ay) 1584 offiziell das Familienweingut. Rund 80 Jahre vor der Entdeckung der Flaschengärung (und gut 150 Jahre bevor diese zweite Gärung weitgehend kontrolliert ablief), stand erst einmal Stillwein (vor allem roter Pinot) im Fokus. Schon damals machte man seinen Job offenbar gut, denn die Rotweine des Hauses waren auf Augenhöhe mit Weinen aus dem Burgund und erfreuten sich sorgar der Beliebtheit von Franz I., damals König von Frankreich.

430 Jahre Champagne Gosset

In Sachen offizieller Handel mit moussierendem (schäumendem) Champagner war Gosset zwar nicht der erste Betrieb (das war Ruinart) aber natürlich am Puls der Zeit mit dabei als 1728 der Verkauf und Transport nicht mehr nur in Fässern, sondern auch von Flaschen(Schaum-)wein legalisiert wurde und das neue Geschäftsfeld zu boomen begann. Die damaligen Prickler hatten mit heutigem Champagner allerdings nur die Flaschengärung gemeinsam. Degorgiert wurden sie bis ins 19 Jahrhunder nicht, so dass die Hefe in der Flasche verblieb und die frühen Champagner entweder sehr vorsichtig eingeschenkt oder dekantiert werden mussten.

Champagne Gosset Grand Reserve Magnum 1988

Um die Tradition zu betonen, hat man sich auch auf die vom Jean Gosset (1736-1805) um 1760 erstmal eingeführte Antikflasche zurückbesonnen, von der noch Varianten in der Sammlung antiker Flaschen der Familie vorhanden sind und von denen 1983 mehrere Dutzend perfekt erhaltene und verschlossene Flaschen aus einem 1841 gesunkenen Frachtschiff in der australischen Port Phillip Bay geborgen werden konnten. Bis auf die Basis-Cuvee (Brut Excellence) und damit zweidrittel der Gesamtproduktion werden bereits seit mehreren Jahrzehnten seit den 1980er Jahren wieder alle Gosset-Champagner in diese exklusiv dem eigenen Haus vorbehaltenen Nachbildung der Antikflaschen gefüllt.

Flaschenlager im Keller von Champagne Gosset in Epernay

Der Stammbaum der Familie Gosset ist 16 Generationen zurück bis zum Stammvater der Ahnenline dokumentiert. Jean Gosset, geboren 1484, steht damit für die 1. Gosset-Generation. Sein Enkel Pierre (also 3. Generation) gründete dann auch formal das Weinhaus. Weitere 13 Generationen lang blieb das Champagnerhaus in Familienhand, bis Antoine und Laurent Gosset 1993 die Entscheidung trafen, ihr Unternehmen an den aus der Cognac-Region stammenden Familienkonzern Renaud-Cointreaus zu verkaufen und so nötige Investitionen und Erweiterungen zu ermöglichen. Powerfrau Béatrice Cointreau, die sich nicht auf ihrer Herkunft als Enkelin des Remy Martin Gründers ausruhte, sondern neben Abschlüssen in Jura und Marketing einen MBA und sogar ein Önologiestudium in Bordeaux vorzuweisen hat Gosset von 1993 an bis zu ihrem Ausscheiden aus dem operativen Gesschäft 2007 neu aufgestellt und die Führung anschließend an ihren Bruder Jean-Pierre Cointreau übertragen.

Druckmessung zur Kontrolle im Keller Champagne Gosset

Bis 1993 lag die Jahresproduktion idR gerade einmal bei 350.000 bis 400.000 Flaschen, inwischen ist sie auf bis zu 1.3 Millionen Flaschen jährlich angestiegen und das ohne erkennbare qualitative Einbußen. Die Hälfte der Produktion geht in den Export, davon ca. 100.000 Flaschen jährlich nach Deutschland, davon aber überproportional viel Basis-Qualität. Weltweit liegt der Fokus von Gosset auf der gehobenen Gastronomie. Hier möchte man flächendeckend vertreten sein, was dem Haus auch regelmäßig gelingt. Von anderen Geschäftsfeldern, wie dem Duty-Free-Geschäft an Flughäfen hat man sich freiwillig verabschiedet, da die internationale Nachfrage auch so schon die jährlich lieferbare Menge übersteigt. Denn auch nach der Expansion zählt Gosset immer noch zu den kleinen Häuser. Zum Vergleich: Jahresproduktion Veuve Clicquot 16 Millionen Flaschen, Moët & Chandon 33 Millionen, darunter allein schon vom Prestige-Cuveé Dom Perignon deutlich mehr Flaschen als die Gesamtproduktion von Gosset.

Die neue Kellerei von Champagne Gosset in Epernay

Endlich standesgemäß

Seit im Herbst 2009 das mitten in Epernay gelegene Malakoff-Areal mit mehreren Kilometer Keller-Galerien aus dem 19. Jahrhundert (Cave Malakoff) in bis zu 30 Metern Tiefe und 2 ha Park mit dichtem Baumbestand von der Trouillard Familie übernommen wurde (die dort bisher die zur Laurent-Perrier-Gruppe zählenden Château Malakoff Champagner Champagner produzierte), hat man nun perfekte Arbeitsbedingungen und die Möglichkeit einer dezenten Expansion. Der bisherige Produktionsstandort in Ay, eingeklemmt zwischen Hauptstraße und Bahntrasse, lies schon länger keine Erweiterungen mehr zu. Büro und ein Teil des Flaschenlagers sind derzeit noch in Ay, die Bereiche Verkauf, Produktion und alle representativen Aktivitäten sind inzwischen nach Epernay umgezogen.

Die neue Kellerei von Champagne Gosset in Epernay

Die neue „Domaine Gosset“ in Epernay hat eine Kapazität von fast drei Millionen Litern in Stahltanks und Holzfässern und ermöglicht so auch, mehr Grundweine (Vin clair) als bisher in kleinen Einheiten separat auszubauen und damit am Ende beim Cuveetieren mehr Möglichkeiten zu haben. Das ist wichtig, da Spitzenchampagner teilweise aus mehr als 100 verschiedenen Grundweinen komponiert werden. Gosset besitzt seit langem keine eigenen Weinberge mehr, ist also wie fast alle großen Häuser auf Zukauf angewiesen (allein die zehn größten Häuser vermarkten ein Drittel der 307 Millionen Flaschen Gesamtproduktion der Champagne). Das hat zur Folge, dass in der Champagne die höchsten Kilopreise für Weintrauben weltweit erzielt werden. Sie liegen heute schon für Basisqualitäten bei 5,20 Euro und um die 7 Euro für Spitzenqualitäten aus Grand Cru Gemeinden (in der Champagne sind nicht einzelne Weinberge klassifiziert, sondern immer die ganzen Dörfer/Gemeinden. Maximal können von einem Kriterienkatalog 100 Punkte erreicht werden, unter 80 sind die Gemeinden nicht zur Champagner-Produktion zugelassen, von 90-99 sind sie als Premier Cru eingestuft und wer 100% erfüllt, darf sich Grand Cru nennen.) Nur zum Vergleich, Rheingauer Riesling liegt im Normalfall bei 1,00 bis 1,20 Euro für den Liter Most, Spitzenrieslinge liegen selten über 2,00 bis 2,40 Euro und nur extrem selten sind höhere Preise wie bei einem Top-Betrieb, der 4 Euro für den Liter Most aus einer der besten Lagen der Region zahlt.

Champagne Gosset Grundweine (Vin clair)

Da Gosset weitgehend nur die erste Pressung (man nennt sie in der Champagne auch Cuveé) also etwa 80 % des erzielbaren Mostes verwendet, werden für jede 0,75 Liter-Flasche allein 1,5 Kilo Trauben benötigt. Die kommen von rund 200 Weinbauern aus 60 Grand Cru und Premier Cru Gemeinden, die in der Qualitätsklassifikation der Champagne einen Wert von mindesten 95% erreichen. Dabei arbeitet Gosset seit langem, teilweise seit Generationen, mit den selben Produzenten zusammen. Der Winzer in Chigny-les-Roses, den wir auf unserer Reise besucht haben, liefert bereits seit ca. 35 Jahren einen Großteil seiner Produktion an Gosset und langfristige Verträge sichern dies auch für die Zukunft. Gesprochen wird in der Champagne zwar immer von Traubenpreisen, geliefert werden aber idR nicht die Trauben, sondern mindestens der Most und meist sogar fertige Grundweine. Die werden dann bei Gosset weiter ausgebaut, meist im Stahl, ein kleiner Teil auch im Holzfass.

Kellergang mit Rüttelpulten bei Champagne Gosset

Bei Gosset wird traditionell besonderer Wert darauf gelegt, dass die Vin Clair keine Malolaktische Gärung machen. Bei diesem auch Biologischer Säureabbau genannten Prozess wird die im Wein vorhandene Apfelsäure von Milchsäurebakterien in Milchsäure umgewandelt. Die Milchsäure ist nicht nur (auch geschmacklich) milder, bei diesem Prozess werden auch etwa 20 % der Gesamtsäure abgebaut. In der Rotweinbereitung ist „die Malo“ normal, bei Weißweinen meist nicht erwünscht (wobei es hier immer mehr Ausnahmen gibt, auch bei einigen Produzenten deutscher Spitzenrieslinge) aber in der Champagne ist es sehr weit verbreitet, da die Spitze Säure von nicht perfekt reifem Lesegut abgemildert wird und die Champagner dadurch grundsätzlich einen cremigeren und voluminöseren Stil erhalten. Bei Gosset ist man der Meinung, dass die eigenen Champagner auch so cremig genug sind und man lieber die Frische und Frucht behält, die durch die Malo ein Stück weit verloren gehen würden. Die Gosset Champagner sind also typischerweise etwas frischer und säurebetonter als andere, haben duch die höhere Säure (die wie bei allen Weinen auch konservierend wirkt) zudem ein längers Lagerpotential.

Gitterboxen im Keller von Champagne Gosset

Auch das ist Tradition: Verantwortlich für den Ausbau und die Cuvées ist seit mehr als 30 Jahren ein und derselbe. Jean-Pierre Mareigner trat 1983 seinen Job als Kellermeister (Chef de Cave) und so wie er sich präsentiert, wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Die unterschiedlichen Champagnertypen der aktuellen Kollektion sind alle unter seiner Führung entstanden. Und diese Kollektion ist erfolgreich: in einer kürzlich veröffenlichten Studie der bekannten französischen Weinzeitschrift La Revue du vin de France wurde Champagner Gosset auf Platz vier der Top 50 Liste der renomiertesten Champagnererzeuger gewählt.

Verkostung mit Jean-Pierre Mareigner bei Gosset

In jedem Frühling komponiert Mareigner die verschiedenen Cuvees, die dann zwischen März uns Juni auf dei Flaschen gefüllt werden. Anschließend lagern alle Champagner mindestens drei Jahre auf der Hefe und auch nach dem Degorgieren noch einmal zwischen drei Monaten und einem Jahr, bevor sie in den Verkauf gehen. Großflaschen und Prestige-Cuceés werden nach wie vor von Hand gerüttelt, die weiteren Champagner maschinell in speziellen Gitterboxen Weiterlesen »

Jul 15

Vinocamp 2015: Ich bin ein Konsument

Erste Übersicht über die Sessions am ersten Tag des Vinocamps Deutschland 2015, im Laufe des Tages kamen noch diverse spannende Sessions hinzu.

Ich bin ein Konsument

Gastbeitrag zum Vinocamp Deutschland 2015

Von Petra Pahlings

Nach dem Besuch des Vinocamps ist es mir wieder klar geworden: Ich bin ein Konsument, durch und durch. Und zwar so ein richtiger: man bietet mir was an und ich nehme es, ich konsumiere.

Vinocamper bei der Besichtigung in den Weinbergen von Schloss Johannisberg

Das Vinocamp ist für mich wie ein Wochenende in einem Konsumtempel. Sperrt mich ein und schmeißt den Schlüssel weg – ich nehme was ich bekommen kann.

Vinocamper gemeinsam mit Domänenverwalter Christian Witte bei der Besichtigung Schloss Johannisberg

Kaum ein anderes Wochenende in meinem Jahr ist so vollgepackt mit neuen inspirierenden Informationen über Wein und alles was dazu gehört wie dieses. Bei anderen Besuchern mag das anders sein, bei mir nicht. Ich bin Mitarbeiterin eines Weingutes an der Mosel. Ich bin keine Winzerin, ich bin keine Sommelière, ich habe keine IHK-Prüfung oder ein WSET-Diplom. Ich habe keinen Blog….

Einer der vielen verschiedenen Riesling-Klone in den Weinbergen von Schloss Johannisberg

Ich interessiere mich einfach nur für Wein und alles was dazu gehört. Und ich habe das große Privileg in dieser Branche arbeiten zu dürfen. (Was würde ich mich langweilen, wenn ich Schrauben oder Steine verkaufen müsste.) Und weil ich all das nicht habe, aber auch gleichzeitig mehr möchte, brauche ich solche Wochenenden wie die des Vinocamps.

Highlight des Vinocamps Deutschland 2015: Lehrweinprobe Pinot Noir weltweit mit Caro Maurer (MW)

Kaum sonst habe ich die Möglichkeit so viele unterschiedliche Wein zu verkosten. Wann sollte ich sonst jemals an einer moderierten Probe von Caro Maurer teilnehmen, wann, geführt von Herrn Witte, die Keller von Schloss Johannisberg besichtigen, wann Burgunder in dieser Vielzahl verkosten, neuseeländische Pinot Noirs entdecken oder Craftbeer probieren? Und wie gerne hätte ich an der Sherryprobe teilgenommen oder an der Vinocamp-Mosel-Session.

Highlight des Vinocamps Deutschland 2015: Lehrweinprobe Pinot Noir weltweit mit Caro Maurer (MW)

Klar, es gäbe die ProWein, aber wie schon gesagt, ich arbeite bei einem Weingut, also auch an der ProWein. Nebenbei bin ich noch Hausfrau und Mutter und der Rest meiner Familie ist nicht besonders weinaffin. Das heißt auch hier muss ich mich aufteilen… Wein, Mutter, Wein, Familie, Wein, Haushalt – es gilt die Balance zu finden.

Schloss Johannisberg: a view from the cellar....

Ich verstehe, dass ein Barcamp vom Input der Teilnehmer lebt, aber ich bin noch nicht so weit. Mir fehlt noch Sicherheit in dieser Branche unter all den Nerds (lieb gemeint) und Cracks. Aber ich mag es mich zwischen diesen Menschen zu bewegen, ihre Ideen zu hören und ihre Leidenschaft für das Thema Wein zu spüren.

Vinocamp Deutschland 2015: freie Verkostung der Reste nach den parallel stattfindenden Themenweinproben

Meine Session findet nicht während des Camps statt. Sie kommt viel später. Ich entwickele daraus Ideen. Das wirkt nach bei mir und führt auf neue Wege. Und eigentlich frage ich mich, warum es nicht noch mehr Konsumenten wie mich gibt. Ich vermisse die Mitarbeiter der Weingüter, der Verbände, der Zulieferer. Warum gibt es nicht mehr Besucher „meiner“ Art, die nach einem solchen Wochenende vollgepackt mit Ideen zu ihren Arbeitgebern zurück gehen und ihnen erzählen, was für Menschen sich bei einem Vinocamp treffen und was sie dort erlebt haben? Die diese unglaublich inspirierende Stimmung für sich weiter nutzen? Und wenn es nicht um Inspiration geht, dann sollte wenigstens die Möglichkeit der Horizont Erweiterung genutzt werden – es wird nicht schaden, ich spreche aus Erfahrung. Weiterlesen »

Jul 07

Vinocamp Deutschland 2015

Vinocamp Deutschland 2015

#vcd15 – Mücken, Menschen, Monopole

Von Marc Herold

Mittlerweile ist das Vinocamp ein fester Termin im Kalender der Weinblogger, Weinschreiber und aller, die sich für die Verbindung von Wein und Internet interessieren. Auch wenn in diesem, dem fünften Jahr des Camps, nur ca. 80 Leute den Weg nach Geisenheim gefunden haben, war die Begeisterung fürs Netzwerken und vinologische Themen hoch. Das Camp begann dann auch schon vor dem eigentlichen Start mit einem Besuch der Frühangereisten beim Schloss Johannisberg. Ich war da schon oft, habe aber erst bei dieser Gelegenheit die Schatzkammer des Weinguts gesehen. In dieser unterirdischen Bibliothek lagern Weine bis zurück ins achzehnte Jahrhundert und Christian Witte, dem momentanen Domänenverwalter war der Respekt vor der Leistung und den Spitzenweinen seiner Vorgänger anzumerken. Witte ist sehr darauf bedacht aus der „Bibliotheca Subterranea“ nicht nur Weine zu entnehmen, sondern auch dort besonders gut geratene Gewächse einzulagern.

Bibliotheca subterranea unter Schloss Johannisberg

Nach der Besichtigung der unterirdischen Schätze konnten wir noch ein paar Weine aus aktueller Produktion probieren. Die trockenen Weine unterhalb des Silberlacks waren ja in den letzten Jahren oft Ziel von etwas hämischer, teils aber auch gerechtfertigter Kritik. 2014 ist hier aber besonders bei den einfachen trockenen Weinen sehr gut geworden. Wittes Bestrebungen auch die Basis des Gutes auf Vordermann zu bringen scheinen also Früchte zu tragen. Der 2014er Gelblack ist fest und fruchtig, hat aber auch eine schöne Rheingauer Würze. Der Riesling gefiel mir so gut, dass ich davon im Gutsauschank gleich noch etwas geordert habe.

Riesling-Verkostung auf Schloss Johannisberg

Am nächsten Morgen ging es dann endlich richtig los. In die Geisenheimer Uni zu kommen, auf den knarzigen Holzklappsitzen des „Erbslöh-Hörsaals“ Platz zu nehmen und gespannt auf die angebotenen Sessions zu warten, ist für mich immer der spannendste Moment des Camps. Was wird es für Themen geben? Gibt es Sessions mit „Brisanz-Potential“? Dieses Jahr hätte ich ja gedacht, dass mindestens eine Session zu Herbiziden auftauchen wird, das Thema spielte aber erst etwas verspätet bei Andreas Barths (Lubentiushof und von Othegraven) Beitrag zu „Mythos und Wahrheit“ eine Rolle. Andreas beklagte darin die Diskrepanz zwischen dem, was einige Winzer den Kunden über die Weinbereitung erzählen und dem, was sie wirklich in Weinberg und Keller tun. Nicht überall, wo Spontangärung draufsteht ist wol auch Spontangärung drin. In dem Zusammenhang bemerkte Felix Bodmann, dass Winzer wohl die einzige Berufsgruppe sind, die besonders betonten, was sie bei der Weinerzeugung alles nicht (!) täten. Nicht Düngen, keine Reinzuchthefen zugeben, nicht filtrieren, keinen Schwefel zugeben und so weiter… Vielleicht kommt man aus dieser Differenz zwischen Dichtung und Wahrheit nur raus, wenn man einen Weg vom „Mythos des Nichtstuns“ zu einem positiven Mythos findet, bei dem das emotionen-weckende Potential der Steillagen gehoben wird. Die Mosel ist da ja mit der Veranstaltung „Mythos Mosel“ auf dem, wie ich finde, richtigen Weg.

Spitzenwinzer Andreas Barth auf dem Vinocamp Deutschland 2015

Neben der Session von Andreas waren für mich die Angebote von Peter Weritz zum Thema „Was kostet ein Weingut?“ und die Craft Beer-Session von Torsten Goffin sehr überzeugend. Peter setzte die Tradition der „Sendung mit der Maus“-Session des Vinocamps fort, bei der Winzer (in früheren Jahren Harald Steffens und KaJo Thul) alle erdenklichen Fragen der Wein-Geeks zum Thema Weinbau beantworteten. Diesmal ging es nicht nur um die Technik, sondern auch ums Ökonomische. Wieviel Geld muss ich mitbringen, wenn ich meinen Traum vom eigenen Weingut verwirklichen möchte? Kurzgefasst, sollte man sich mit weniger als 1,5 Millonen Euro eher ein paar Flaschen Wein oder eine Yacht kaufen. Interessant war auch, dass Weingutsverkäufe meist erhebliche Kundenverluste mit sich bringen, mit denen man rechnen muss.

Craft WTF?

Die leidenschaftlichste Session war für mich aber Torstens Craft Beer-Rundumschlag bei dem es (natürlich) ein IPA und diverse belgische Biere gab, die alle ziemlich weit vom deutschen Reinheitsgebot entfernt waren. Am besten gefiel mir hier das „Château d’Ychouffe“, ein Bier in dem auch vergorene edelfaule Trauben enthalten sind. Wirklich der missing link zwischen Bier und Wein. Auch wenn Bier ja, fernab von solchen Experimenten erstmal wenig mit Wein zu tun hat, können die Weinfreaks durch den Blick auf die sehr lebendige Bierszene meiner Meinung nach lernen, wie man durch Austausch ziemlich extremer Ideen und gemeinsame Projekte zu neuen geschmacklichen Ufern segeln kann.

Den Abschluss des Camp-Samstags bildeten die „Sozialen Weinproben“ bei denen die Teilnehmer Weine zu einem speziellen Thema mitbrachten. Die Burgund-Probe und die Sherry-Probe waren hier besonders hochklassig besetzt. Wer schon immer mal die gesamte „Palmas“-Reihe probieren wollte, in der González Byass die Entwicklung vom sehr jungen Fino bis zum alten Amontillado abbildet, war bei der von Peer F. Holm moderierten Session richtig.

Highlight der Sozialen Verkostung zum Thema Gemischter Satz: Vier Jahrgänge Kapellenberg Gemischter Satz vom Weingut Bickel-Stumpf aus Franken

Ich selbst hatte von Felix Eschenauer die Session zu Monopollagen übernommen. Neben den berühmten Mosel-Monopolen wie den Lagen von Maximin Grünhaus oder dem Veldenzer Elisenberg hatten wir auch Weine aus dem Rheingau (u.a eine Ress Schloss Reichartshausen-Vertikale), von der Nahe (Dönnhoffs Oberhäuser Brücke) und aus Rheinhessen (Katharina Wechslers Westhofener Benn). Erstaunlich war für mich, dass von dem guten Dutzend Weinen nur der „Schloss Reichartshausen“ von Ress auch auf dem Etikett als Monpollage gekennzeichnet ist. Im Burgund ist man da, was die Herausstellung angeht, viel offensiver. Mir persönlich war nach der Probe auch noch nicht klar, ob der Besitz einer eher unbekannten Monopollage wirklich ein Vorteil für den Winzer darstellt. Vielleicht biete ich aber zu dem Thema in einem der nächsten Camps noch eine „trockene“ Session mit noch mehr Diskussion an.

Weiterdiskutiert wurde dann auch während chill out Session abends an „den Fässern“ am Hattenheimer Rheinufer. Direkt am Rhein floss der alte Riesling in Strömen und auch die Mücken fühlten sich von den im Blut der Camper dargereichten Getränken angezogen. Auch die Teilnehmer, die zum ersten mal bei so einer „Unkonferenz“ dabei waren wurden spätestens bei dieser Gelegenheit perfekt integriert. Weiterlesen »

Ältere Beiträge «