Apr 29

Der Norden des Südens: Die Hermitage-Weine von Bernard Faurie

Hermitage Bernard Faurie

Die Weine der nördlichen Rhone zu trinken, ist einfach: Man muss sich nur entscheiden, ob man die Weine lange oder sehr lange lagern will und ob man eher viel oder wenig neues Holz im Wein haben möchte. Dementsprechend besorgt man sich ein paar Kisten Cote-Rotie oder Hermitage. Bei den Traditionalisten mit wenig neuem Holz steht dann „J.L. Chave“ auf den Kisten und bei den Freunden des neuen Holzes findet sich die Aufschrift „Guigal“. So weit so einfach, wenn 200 oder 300+ € für eine Flasche kein Problem sind.

Aber drehen wir die Geschichte noch einmal etwas zurück. Was macht die Weine der nördlichen Rhone so einzigartig, dass Weinfreunde aus aller Welt versuchen an die paar Flaschen Hermitage heranzukommen? Ähnlich, wie der Pinot Noir im Burgund am nördlichen Rand seines „Reifegebiet“ wächst, und durch seine lange Reifeperiode eine besondere Finesse erreicht, wird die Syrah-Traube an der nördlichen Rhone noch grade so reif und besitzt dadurch eine Fülle von Aromen bei gleichzeitig niedrigem Alkohol. Gereifte Hermitages können dann auch eine Ähnlichkeit mit Burgundern haben. Sie besitzen oft neben den typischen Eisen- und Fleisch-Aromen auch eine straffe, spielerische Säure und eine Tiefe, die den aufmerksamen Trinker praktisch ins Glas saugt. Ähnlich wie im Burgund sind die verfügbaren Mengen klein weil auch der Hang, an dem die Trauben für den Hermitage wachsen, nur eine Fläche von 136 ha aufweist. Das ist viel weniger Anbaufläche als beispielsweise in einem mittelgroßen rheinhessischen Weinbauort. Von dieser Fläche weist wiederum nur ein Teil die begehrte Kombination aus kargem Granitboden, der optimalen Ausrichtung zur Sonne und einer, die optimale Reife garantierende Höhe am Hang auf. Liegen die Lagen tief unten am Hang werden die Weine üppiger (auch wegen der nährstoffreichen Schwemmland-Auflage). Befinden sich die Syrah-Reben zu weit oben am Berg reifen die Trauben wegen der kühlenden Winde nicht verlässlich aus. Auch deshalb haben Lagen-Cuvées in Hermitage schon immer eine große Rolle gespielt, weil die Winzer die Schwächen der einen Lage mit der Stärke einer anderen ausgleichen konnten.

Einzellagenabfüllungen sind in dem Gebiet eine eher junge Entwicklung. Durch die Kleinteiligkeit der Besitzverhältnisse am Hang kommt dazu, dass Winzer, die weniger Fläche als zum Beispiel Jaboulet oder Guigal besitzen, oft nur Flächen, die deutlich unter einem Hektar aufweisen, in den Einzellagen bewirtschaften.

Hermitage Lagen

Bernhard Faurie, um dessen Weine es hier gehen soll, und dessen Kreszenzen noch keinen dreistelligen Betrag pro Flasche kosten, hat dementsprechend auch nur zwei Hermitages im Programm: zum einen die Cuvée aus den Lagen „Greffieux“ und „Bessards“ und eine zweite, bestehend aus „Bessards“ und „Méal“. Der Greffieux/Bessards (mit der weißen Kapsel, die Lagennamen stehen nicht auf dem Etikett) ist aufgrund der steinigeren, granitlastigen Böden in den zugrundeliegenden Parzellen immer der straffere, kernigere Wein, der aber immer aufgrund seines Bessard-Anteil eine betörende Frucht besitzt.

Die andere Cuvée mit der goldenen Kapsel ist fleischiger, wuchtiger. Méal – das Herzstück des Amhitheaters der Reben von Hermitage hat eisenreiche Böden, die von der Rhone angeschwemmt und am Hang neben dem Fluss abgelagert wurden. Die Weine, die hier wachsen sind mehr „Weine des Südens“ als die oft etwas kargeren Tropfen der granitbetonteren Lagen.

In wenigen, außerordentlich guten Jahren (z.B. 1999) gibt es außerdem noch einen reinsortigen „Méal“ von Faurie.

Die Weine sind im Glas dann stets Nord-Rhone-Syrah im klassischen Stil. Neues Holz ist fast gar nicht wahrnehmbar, es werden 600 L-Fässer (Demi-Muid) und wenige 228 L-Fässer eingesetzt.

Die Trauben werden nicht entrappt und für 18 bis 21 Tagen in Holzbottichen vergoren. Die ganze Produktion der Weine wirkt recht rustikal, die Hermitages von Bernard Faurie, der auch in jedem französischen Film als alternder Liebhaber besetzt werden könnte, zeichnen sich besonders nach einiger Reife dann allerdings durch außergewöhnliche Subtilität und Feinheit aus. Eins meiner größten Weinerlebnisse der letzten Jahren war ein 1985er Hermitage der den Eindruck hinterließ als säße man Fond eines mit Connolly-Leder ausgeschlagenen Rolls-Royce aus den 60ern und bekäme dabei eine Zigarre aus einem Zedernholz-Humidor angeboten. Ein Wein, der eine tiefe Ausgeglichenheit ausstrahlt und dennoch eine innere Spannung wie nur wenige Rotweine besitzt.

Von den jüngere Hermitage-Jahrgängen gefiel mir die „Weißkapsel“ aus 2010 sehr gut. Hier findet sich besonders diese irrsinnige Finesse des 10ers und die Eisen-Rost- und Rosen-Aromatik des Syrah wieder. Die 2009er und 2012er sind sowohl als Greffieux/Bessards als auch beim Bessards/Meal etwas fleischiger und runder, als der zum drahtig-knochigen tendierende 2010er. Letztes Jahr im März hatte ich die Gelegenheit einige der Weine nebeneinander zu probieren. Einige Notizen zu den Hermitages findet ihr am Ende des Artikels.

Außer den auf lange Flaschenreife angelegten Lagen-Cuvées, erzeugt Bernard Faurie einen früher trinkbaren St. Joseph von seidig intensiver Art. Der Wein passt perfekt zum Steak, zu geschmortem Lamm oder zu anderen markant gewürzten Schmorgerichten.

Neben den roten Hermitages gibt es von Faurie auch noch die weiße Version aus 100 % Marsanne. Wie bei den Roten, sind auch seine Weißweine, mit wenig neuem Holz ausgebaut und aromatisch klar, transparent und dennoch von großer Komplexität.

Für mich bleiben die Weine von Bernard Faurie in ihrer handwerklichen Präzision aber auch in ihrer Typizität für die Gegend aus der sie stammen, ganz große Nord-Rhone-Klassiker für die Weintrinker, die sich trauen ihr Geld auch einmal etwas abseits der ganz großen Namen zu investieren. Es gibt wenige Flaschen, auf deren Reife ich mich so freue, wie auf die Hermitages von Faurie.

Hermitage Bernard Faurie

Notizen:

2008 Hermitage Greffieux/Bessards: Verhaltene Nase. Etwas grüne Paprika, Eisen/Blut, sehr klar, eher auf Transparenz gemacht. Viel Pfeffer, mit Luft wird die Nase besser, etwas Süßholz, aber auch immer noch etwas Grünes. Braucht Zeit, ist wahrscheinlich grade in der Versenkung. Derzeit bei 91-92++ (Potential).

2010 Hermitage Greffieux/Bessards: Expressiv, schon vom Start weg wahnsinnig gut. In dem Wein sind Fülle und Seidigkeit in Perfektion vereint, die Säure ist stützend und sehr griffig ohne spitz zu sein. Hat auf der Zunge auch Mokka-Aromen, etwas röstiges, wirkt aber nie schwülstig und beleibt trotz aller Fülle immer elegant. Jetzt trinken oder 10 Jahre hinlegen.

2011 Hermitage Greffieux/Bessards: Rauch, Räucherspeck, stürmisch, sehr offenherzig, seidig. gut gebaut, eher der hedonistische Typ unter den Hermitages. Orientalisch gewürzig. Jetzt schön, ist aber schwer vorzustellen, wie der mit Reife aussehen wird.

2012 Hermitage Greffieux/Bessards
: Veilchen in Reinkultur. sehr swingend, vereint Transparenz und Dichte in vorbildlicher Weise. Sehr frisch, erste Attacke „kühl“, Wie von Früchten, die grade aus dem Kühlschrank kommen, erzeugt das Bild von kalkigen, leicht abgegriffenen Kalksteinfelsen. Atemberaubend gut.

2009 Hermitage Bessards/Meál: Wirkt zunächst rustikaler und fetter als die Cuvée Bessards/Greffieux. Ausserdem recht verschlossen. Etwas „zusammengestaucht“ monolithisch wirkendes Tannin. Wirkt in der Nase recht warm, fast an der Nähe zur Überreife. Wirklich massive Tannine auch im Abgang. Fast kein neues Holz. Schwer einzuschätzen, Potentialbewertung. Braucht sehr viel Zeit. Könnte aber sehr gut werden.

2010 Hermitage Bessards/Meál
: Etwas feiner und kühler als der 09er, sehr kraftvoll trotzdem, auch etwas tiefer als der 12er Greffieux/Meal. Braucht Zeit, wirkt sehr erdig, schön, elegant, kraftvoll.

Wer also auf der Suche nach traditionell erzeugtem, lagerbedürftigem Nord-Rhone-Syrah ist, sollte auf jeden Fall Bernard Fauries Weine in die engere Wahl ziehen.

Apr 05

Projekt Pitch Perfect – Ruwer Riesling Mikrokosmos

Projekt 156 Riesling Auslese 2006

Als ich vor nun mehr als zehn Jahren das erste mal ins Tal der Ruwer einbog, erwartete ich einen wirklichen Fluß – sowas wie die Saar, bloß vielleicht etwas schmächtiger. Als ich die Ruwer dann sah, war ich überrascht, dass ich diesen Wasserlauf an nahezu allen Stellen mit einem behertzten Anlauf hätte überspringen können. Ähnlich überschaubar war die Vielfalt der Weingüter dort: Grünhaus, Karthäuserhof, Beulwitz, bisschen Lorenzhof und das war es dann auch im großen und ganzen. Während an Mosel und Saar schon die Jungwinzer in nahezu bambushafter Geschwindigkeit auf der Bildfläche erschienen, glich die Entwicklung an der Ruwer eher einer Bonsai-Eiche.

Umso überraschter war ich, als ich vom „Projekt 156“ erfuhr. Hier hatten eine Handvoll Freunde mehr oder weniger aus einer Schnapsidee beschlossen, eine Parzelle im Mertesdorfer Herrenberg zu bewirtschaften. Die Katasternummer der Parzelle war hier die namensgebende Nummer 156. Der Weinberg liegt genau auf der, den Grünhäuser Weinbergen entgegen gelegenen Seite des Tals und die Aromatik der Weine entsprach immer einem ganz klar als ruwerisch erkennbaren Geschmacksbild mit Kräutern, Säure und kühler Frucht. Der überschaubaren Weinbergsgröße geschuldet, gab es jedes Jahr einen oder maximal zwei Weine. Je nach Jahrgang meist etwas zwischen einem Kabinett und einer Auslese. Mehr zu den Daten der Weine und der Geschichte des Projekts findet ihr auf der Webseite des Projekt 156. Hier im Weinkaiser-Blog hatte ich auch schon einmal die Weine beschrieben, die einer der am Projekt beteiligten Freunde in seinem Job als Betriebsleiter im Weingut Dr. H. Thanisch Erben Müller-Burggraef erzeugt.

Ich kam zunächst mit der 2007er Projekt-Spätlese in Kontakt, die mich kurz nach ihrer Abfüllung sofort in ihren Bann schlug, ein wirklich intensives, tief aromatisches, doch immer noch ruwertypisches Brett von einer Spätlese. Genau wie die 09er Spätlese ist dieser Wein momentan erst wieder dabei sich zu berappeln und zu wirklicher Form aufzulaufen.

Für die Weinrallye habe ich meine einzige Flasche der 2006er Auslese entkorkt und war vom Fleck weg begeistert. 2006 ist für mich momentan einer der aktuell trinkbaren Auslese-Jahrgängen. Die Winzer hatten damals nur ein sehr enges Zeitfenster um gesunde, edelfaule Trauben zu ernten. Die Mühe hat sich aber oft gelohnt und die erzeugten Süßweine sind von einer strahlenden, fruchtigen Opulenz, der man sich nur schlecht entziehen kann. So ist es auch bei dem Projektwein aus diesem Jahr, nur, dass hier mehr Kräutergarten und grüne, stachelbeerige Frucht im Glas ist. Der Wein wirkt immer noch so, als sei er am Anfang seiner Entwicklung und als wäre das maximale Genusspotential erst in ein paar Jahren erreicht. Aber auch jetzt ist der Genuß groß, und ich werde daran erinnert, dass ich unbedingt die aktuelleren Jahrgänge der Projektler probieren muss.

Das Projekt zeigt aber auch, dass es an der Ruwer auch abseits der „großen Zwei“ sehr spannende Lagen und Weine gibt. Ich würde mich freuen, wenn in Zukunft das Interesse an Ruwerweinen auch durch den VDP-Beitritt von Maximin Grünhaus zunähme. Es gibt dort noch viel zu entdecken!

Mrz 31

Schloss Reinhartshausen Winzerbier Rheinhell 1902

Schloss Reinhartshausen Winzerbier Rheinhell 1902

Weinbau wird auf Schloss Reinhartshausen in Erbach im Rheingau bereits seit 1337 betrieben. Seit der Übernahme des Weingutes Schloss Reinhartshausen (das angeschlossene Luxushotel wurde nicht übernommen) durch die Pfälzer Familie Lergenmüller im Jahr 2013 wird dort nun auch Bier gebraut. Die Idee eines Winzerbiers entstand, da in der zum Betrieb gehörenden Monopollage Erbacher Rheinhell auf der Rheininsel Mariannenaue wilder Hopfen in ausreichender Menge wächst.

Schloss Reinhartshausens Rheininsel Mariannenaue

Die 1902 nach Marianne von Oranien-Nassau benannte Rheininsel (vorher „Westfälische Aue“) ist übrigens nicht nur ein nettes Anhängsel des Schlossgutes, sondern wirtschaftlich bedeutsam, denn hier entsteht auf 23 ha mehr als ein Viertel der Jahresproduktion des 80 ha Betriebes. Qualitativ ist hier allerdings eher die Basis beheimatet. Die Spitzenrieslinge des Betriebs wachsen alle auf dem „Festland“, wo man in den berühmten Rheingauer Brunnenlagen Nussbrunnen, Wisselbrunnen und Marcobrunn sowie den weiteren Top-Lagen Siegelsberg, Hohenrain und Erbacher Schlossberg bestens begütert ist.

Die Erstausgabe „Winzerbier Insel Mariannenaue 2013“ auf Basis der Hopfenernte 2013 ergab gerade einmal 1200 Flaschen. Zum Vergleich, die Jahresproduktion an Weinflaschen lag in den letzten Jahren zwischen 300.000 und 500.000 Flaschen. Die zweite Auflage auf Basis der 2015er Ernte dürfte etwas größer ausgefallen sein, so dass das „Rheinhell 1902“ nun auch bundesweit als „Das Bier vom Winzer für den Weinfachhandel“ vermarktet wird.

Wie schmeckts?

Ein süffiges helles Obergäriges, ungefiltert und nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut, mit malzigen, hefigen und leicht fruchtigen Aromen sowie einem für diesen Biertyp moderaten Alkoholgehalt von 5,2 Volumenprozent. Der Einzelflaschenpreis ab Hof liegt bei 3,90 Euro.

Facts in Kurzform:
Alkoholgehalt: 5,2% vol.
Stammwürze: 12,4%
Bittereinheiten: 12 EBC (European Brewery Convention)
Bierstil: Blonde Pale
Malzsorten: Weizenmalz & Gerstenmalz
Brauart: obergärig, unfiltriert
Grösse: 0,33l im 12er Karton

Mrz 01

Und was ess‘ ich jetzt dazu?

Fruchtige Rieslinge unterschiedlichen Alters beim International Riesling Symposium

Gastbeitrag zur Weinrallye #95 – Wein & Speise

Von Petra Pahlings

Fast schon eine Standardfrage – eine Frage die mir bei jeder Präsentation immer wieder gestellt wird – quer durch alle Besuchergrupppen – der „einfache“ (sorry für das Attribut, aber ihr wisst wie das gemeint ist) Konsument, der Weinfreak, der Koch, der Fachhändler, der Restaurantfachmann, der „fortgeschrittene“ Konsument (auch hier wieder SORRY – siehe oben), sie alle stellen mir immer wieder diese Frage.

Aber von vorne: Ich arbeite für ein Weingut, das traditionell restsüße Moselweine vinifziert. Weine, die durch ihre Balance zwischen Süße und Säure (ja – und viele andere Elemente) bestechen. Ein Nischenprodukt, fernab vom Mainstream. Diese Weine haben Erklärungsbedarf, den wir, wie sollte es anders sein, meist auf Präsentationen und Verkostungen liefern. Und es ist erstaunlich für uns, die jeden Tag mit diesen Weinen umgehen, wie fremdartig sie manch einem anmuten. Oft ist eine der ersten Reaktionen: „Oh ein toller Dessertwein!“ Wenn es etwas gewagter sein darf, wird auch mal eine Käsebegleitung vorgeschlagen. Aber auch immer wieder die Frage: „Und was ess’ ich jetzt dazu?“ gestellt.

Sommeliers berichten mir, dass sie, wenn sie Gästen einen restsüßen Wein empfehlen, meist auf Ablehnung stoßen. Servieren Sie den Wein jedoch unkommentiert – höchstens begleitet mit dem Satz: „Das würde ich jetzt dazu trinken!“ – sind die Gäste meist positiv überrascht und bleiben bei der Empfehlung.

Woher kommt das? Wieso haben wir vergessen, wie man diese Weine bei einem Essen einsetzt? Und wieso ist die Angst so groß es zu versuchen?

Süße wird logischerweise mit ZUCKER verknüpft. Und wir haben SOFORT eine negative Assoziation. Kalorien – Bäh! Wir suchen Ersatzstoffe für Zucker, die uns (angeblich) nicht dick machen. Wir verkneifen uns das Stück Schokolade und erinnern uns gleichzeitig mit Wehmut daran, wie wir als Kinder die Kuchenteigschüssel oder den Puddingtopf ausgekratzt haben. Doch wir vergessen ein dabei: Ein Großteil unseres Essens besteht aus Süße – und ich rede nicht von dem tatsächlich diskussionswürdigen Industriezucker.

Ich rede von der natürlichen Restsüße wie sie in Prädikatsweinen zu finden ist und in vielen unserer Lebensmittel. Jedes Schmorgericht wird angesetzt mit Sellerie, Möhren und Zwiebeln, die beim Anbraten karamellisieren. Oder DIE Stärkebomben schlechthin: Kartoffeln und Nudeln. Wir spielen fast täglich mit ihrer Süße auf unserem Teller. Pastinaken – welch wunderbarer nussig, süßer Geschmack. Tomaten – sie sind erst dann perfekt, wenn sie reif, saftig und herrlich süß daher kommen. Fleisch, gut abgehangen, Wild, Wildgeflügel, alles Produkte, die von Natur aus schon eine eigene Süße mitbringen. Man könnte die Liste unendlich weiterführen.

Wird mir die Frage nach der Essensbegleitung gestellt, gehe ich gern in die Offensive! Mein Lieblingsvorschlag, mit dem ich manch einem schon ein Fragezeichen ins Gesicht gezaubert habe ist: Steak! Am besten eines dieser derzeit mega-angesagten super-hippen Dry-Aged Steaks, sprich gut abgehangen, vorzugsweise Rib-Eye. Wenn das Budget es zulässt, darf es auch gerne ein Stück Kobe-Beef oder Wagyue sein. Fett (oh Gott, das nächste Unwort) ist wichtig in dieser Kombination! Richtig heiß angebraten (das Fleisch sollte jedoch maximal medium-raw sein) anschließend im Ofen oder gut abgedeckt etwas ausgeruht, nur mit etwas Fleur de Sel und Pfeffer gewürzt läuft es zur Höchstform mit einer gereiften Spätlese auf. Wer sich traut nimmt sogar eine Auslese! Zweifel?…… Ausprobieren!

tomahawk-Steaks von der alten Kuh

Vielleicht bei der nächsten Grillparty? Aber Vorsicht: Bitte auf jeden Fall genug Wein einkaufen, denn restsüße Weine haben noch einen weiteren ganz entscheidenden Vorteil: niedrige Alkoholwerte und (oder daher) Trinkfluss! Ein Faktor, den man besonders in der asiatischen Küche und erstaunlicherweise auch immer mehr in der französischen und italienischen Küche zu schätzen weiß. Trinkfluss definiert sich dabei nicht nur durch die Menge der Flaschen, die bei einem Abendessen „geköpft“ werden, auch wenn der gemeine Gastronom daran besonders interessiert ist. Trinkfluss bedeutet auch: wie mache ich weiter in der Menüfolge, was kommt danach? Restsüße Weine haben die Eigenschaft den Gaumen und die Zunge zu beruhigen und gleichzeitig zu erfrischen. „Careveille“ – „Das weckt auf“ sagte vor kurzen ein französischer Sommelier bei einer Probe zu mir, als er eine restsüße Spätlese verkostete. Und es stimmt, der Wein weckt auf, bereitet vor auf den nächsten Gang, macht Lust auf mehr! Sowohl auf mehr Essen als auch auf mehr Wein. Eine Riesling-Auslese zu Gänsestopfleber statt eines Sauternes? Weiter geht’s! Eine Spätlese zu einem scharfen Thai-Curry? Der nächste Gang kann folgen!

Und wer es nicht glaubt, der schaut mal auf Facebook nach, wie oft man Fotos von Proben findet, die mit einer Flasche restüßen Prädikatsweins beendet wurden. – Ich sag nur: #reparaturwein

Ich weiß, dass dies (mal wieder) meine sehr eigene Sicht auf die Dinge ist, aber das hier ist ein Blog-Beitrag, da geht es um persönliche Sichtweisen. Ich trinke auch wahnsinnig gerne andere Weine. Ich probiere herum und versuch mich an manchmal aberwitzig anmutenden Speisen-und Wein-Kombinationen, die ich auch meinen Gästen zumute. Doch am Ende dieser Abende stelle ich fest, dass immer die restsüßen Weine zuerst ausgetrunken waren…..

Leckereien im Schlosshotel Lerbach

Feb 26

ProWein 2016 Tweetwall / Twitterwall


Vom 13.-15. März findet in Düsseldorf die ProWein 2016 statt. Hier gibts ständig die neusten Tweets zur ProWein 2016 und auf der Weinkaiser-Facebookseite findet ihr während der Messe wie immer einen kommentierten Fotostream.

Hier noch mal die Link zum den kommentierten Fotosammlungen der letzten Jahre:

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2014 (111 Fotos). Bei der Prowein 2014 gab es noch zwei weitere Weinkaiser-Fotoserien: von der Challenge Euposia Verleihung und der Caractères & Terroirs de Champagne Veranstaltung.

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2013 (57 Fotos)

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2012 (112 Fotos)

Weinkaiser-Fotostream ProWein 2011 (90 Fotos).

Das Veranstaltungsprogramm der ProWein 2016 kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden und in der Veranstaltungsdatenbank online durchsucht werden.

Falls Sie oberhalb dieses Textes nicht die Twitterwall sehen (hier ein Screenshot, wie es ausschauen sollte), sollten Sie überprüfen, ob Javascript eingeschaltet ist (das wäre erforderlich) oder ein Skriptblocker das Twitter-Plugin blockiert…

ProWein 2016 Hallenplan / Messeplan

In diesem Jahr ist auch schon den kompletten Samstag über in Düsseldorf einiges an spannenden Veranstaltungen geboten. Ein kleiner Weinkaiser-Fahrplan für den ProWein-Samstag folgt noch an dieser Stelle. Details zu den Terminen wie immer auf unserer Weinkaiser Terminseite

Dez 17

FBI zerschlägt Rudy Kurniawans Weinsammlung

Als Fälschungen enttarnte Chateau Petrus Flaschen

Rudy Kurniawan hatte es geschafft. Als Sohn chinesischer Eltern in Indonesien geboren, Ende der 90er mit Studentenvisum in die USA gekommen und illegal dort geblieben, wurde er innerhalb einer Dekade zum weltweit gefragtesten Raritätenhändler für alte Luxusweine aus Bordeaux und Burgund. Nach erfolgreichen Auktionen (mit $24.7 Mio Dollar Umsatz erzielte die Auktion THE Cellar II im Jahr 2006 einen neuen Rekord, der den bisherigen um gut 10 Millionen übertumpfte) wurde Kurniawan auch über die Altweinszene hinaus bekannt und in Zeitungen wie der LA Times gefeiert. Wie man heute weiß, war gerade bei diesen Rekordauktionen ein Großteil der Weine gefälscht (zB acht Magnums 1947er Château Lafleur, wovon Kurniawan nach dem Erfolg bei einer Auktion gleich bei der nächsten noch einmal acht weitere unters Volk brachte). Großformate aus 1947 und von der Domaine de la Romanée-Conti waren seine Spezialität, warum er in der Szene auch als Mr. 47 oder Dr. Conti bekannt war.

FBI zerstört Rudy Kurniawans Weinsammlung

Das ging eine ganze Weile gut, die Kunden waren zufrieden. Kurniawans Erfolgsgeheimnis waren vergleichsweise günstige alte Burgunder aus wahlweise kleinen Lagen/kleinen Häusern/kleinen Jahrgängen, die er mit ein paar Prozent kräftigen jungen Pinots aus Kalifornien auffrischte.

Die Geschichte hat etwas vom Ikarus-Mythos. Auf der Erfolgswelle wurde Kurniawan unvorsichtig, was damit endete, dass Laurent Ponsot, Chef der Domaine Ponsot eigens nach New York gereist kam, um eine Auktion alter Weine seiner Domaine zu verhindern. Kurniawan bot dort diverse Lots Clos St. Denis Grand Cru aus Jahrgängen von 1945 bis 1971 an. Leider hat die Domaine erst 1982 ihren ersten Clos St. Denis produziert. Auch vier Flaschen Clos de la Roche 1929 der Domaine Ponsot waren spannend, denn der Betrieb begann erst 1934 unter eigenem Namen zu füllen.

FBI zerstört Rudy Kurniawans Weinsammlung

Das war 2008 und führte zwar zu einigen unangenehmen Fragen aber nicht gleich zur Festnahme. Trotzdem nahm ab diesem Zeitpunkt das Unheil seinen lauf. US-Milliardär und Weinsammler William I Koch (rund 40.000 Flaschen Kellervolumen und der Mann, der die Gravuren der berühmten Jefferson-Flaschen analysieren lies), der auch schon viele seltene Weine von Kurniawan gekauft hatte, machte sich an das, was den meisten anderen Käufern schlicht zu teuer war: Er gab eine Reihe von Kurniawan-Weinen zu umfangreichen Analyen. Untersuchungen von Flascheninhalt, den Flaschen selbst und den Papieretiketten mittels Isotopenanalyse, Radiokarbonmethode und vielem heute möglichen mehr. Ergebnis: nicht alle aber doch ein Großteil der Weine waren gefälscht. Hier Kochs Klageschrift mit einer Auflistung all seiner Vorwürfe gegen Kurniawan als pdf. Erst 2012, vier Jahre nach der Ponsot-Geschichte und viele weitere Auktionen mit Fake-Weinen später, erfolgte eine Razzia bei Kurniawan, der dann auch die sofortige Festnahme folgte, da ein ganzes Fälscherlabor mit hunderten Reserveetiketten berühmter Altweine bei ihm gefunden wurden.

FBI zerstört die Fälschungen aus Rudy Kurniawans Weinsammlung

Im Dez 2013 wurde der 39 Jährige Kurniawan dann nicht nur zu zehn Jahren Haft verurteilt, er soll seinen Opfern auch den Schaden von errechneten 28.4 Millionen US-Dollar ersetzen. Daher wurden bis gestern zwei Wochen lang genau 4.711 Flaschen im Schätzwert zwischen 25$ (1987er Georges Faiveley Hospices de Nuits) bis 135.000$ (für ein Lot DRC Magnums) versteigert. Der gesamte Versteigerungserlös lag am Ende bei 1,5 Millionen Dollar. Zwar wurden 98% aller angebotenen Weine versteigert, viele der eindeutigen Originale, wie Einzelflaschen Mouton 1945, DRC 1959 und Latour à Pomerol 1961, die wohl als Vorlage für Fälschungen dienten, gingen allerdings deutlich (bis zu 70%) unter dem aktuellen Marktpreis bei normalen Auktionen über den Tisch. Es gab aber auch Ausnahmen, vor allem Manfred Krankl’s mit Künstleretiketten ausgestattete Sine Qua Non Weine. Eine halbe Flasche SQN „El Corazon“ 1998 erreichte 3.011$ (für eine halbe Flasche kalifornischen Rosé-Weins aus Grenache Trauben!!!), ein Lot aus zwei Flaschen SQN „The Bride“ 1995 ging für for 5.200$ und zwei Magnums SQN „Tant Pis“ 1995 gingen bis auf erstaunliche 15.600$. Mit 45.200$ den höchsten Preis erzielte ein Lot mit drei Flaschen 1911er Romanée-Conti.

FBI zerstört die Fälschungen aus Rudy Kurniawans Weinsammlung

Gefunden und beschlagnamt wurden bei Kurniawan 5.259 Flaschen, ein für rund 90.000 Dollar vom FBI engagiertes Expertenteam um Stephanie Reeves und Michael Egan hat aber 392 Bouteillen als eindeutig gefälscht identifiziert und weitere 156 aus diversen Gründen (Kork, etc) als nicht mehr verkehrfähig aussortiert. Aus vielen dieser Flaschen wurden mit einer Spritze Miniproben zur Analyse entnommen. Um diese offiziell wertlosen 548 Flaschen (sechs besondere Großformate wurden für Ausstellungen und zum Anschauungsunterricht aufbewahrt) hat sich der US Marshals Service in Creedmoor (Texas) letzte Woche besonders enfühlsam gekümmert. Hauptdarsteller: Der Gerät – eine Kombination aus einem Baukran und einem drei Tonnen schweren Elektromagneten.

FBI zerstört die Fälschungen aus Rudy Kurniawans Weinsammlung

Die gesamte Fotoserie von der Arbeit des US Marshal Service in Sachen Altglas gibt es auf der Flickr Seite des US Marshal Service.

FBI zerstört die Fälschungen aus Rudy Kurniawans Weinsammlung

Ein besonderes Schmankerl am Rande für mich persönlich: der ganz oben abgebildete 1988er Chateau Petrus war vor einigen Jahren der erste Petrus meines Weinlebens. Er war gut aber nicht groß, das scheint aber auch bei den nicht gefälschten Heiligen des Jahrgangs 1988 normal zu sein. Die Flasche hab ich übrigens noch. Falls also mal jemand das Depot analysieren will….

Cola-Rot mit Chateau Petrus 1988

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