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Jul 22

Champagne Gosset – stille Stars in Epernay

Champagne Gosset Grand Rosé

In der Champagne sprechen alle von Tradition. Die sei wichtig. Und kaum jemand hat davon so viel vorzuweisen wie Gosset.

Gosset war das erste Weinhaus der Region. Bereits seit einigen Jahren als Winzer und Weinhändler aktiv, gründet Pierre Gosset (damals auch Bürgermeister von Ay) 1584 offiziell das Familienweingut. Rund 80 Jahre vor der Entdeckung der Flaschengärung (und gut 150 Jahre bevor diese zweite Gärung weitgehend kontrolliert ablief), stand erst einmal Stillwein (vor allem roter Pinot) im Fokus. Schon damals machte man seinen Job offenbar gut, denn die Rotweine des Hauses waren auf Augenhöhe mit Weinen aus dem Burgund und erfreuten sich sorgar der Beliebtheit von Franz I., damals König von Frankreich.

430 Jahre Champagne Gosset

In Sachen offizieller Handel mit moussierendem (schäumendem) Champagner war Gosset zwar nicht der erste Betrieb (das war Ruinart) aber natürlich am Puls der Zeit mit dabei als 1728 der Verkauf und Transport nicht mehr nur in Fässern, sondern auch von Flaschen(Schaum-)wein legalisiert wurde und das neue Geschäftsfeld zu boomen begann. Die damaligen Prickler hatten mit heutigem Champagner allerdings nur die Flaschengärung gemeinsam. Degorgiert wurden sie bis ins 19 Jahrhunder nicht, so dass die Hefe in der Flasche verblieb und die frühen Champagner entweder sehr vorsichtig eingeschenkt oder dekantiert werden mussten.

Champagne Gosset Grand Reserve Magnum 1988

Um die Tradition zu betonen, hat man sich auch auf die vom Jean Gosset (1736-1805) um 1760 erstmal eingeführte Antikflasche zurückbesonnen, von der noch Varianten in der Sammlung antiker Flaschen der Familie vorhanden sind und von denen 1983 mehrere Dutzend perfekt erhaltene und verschlossene Flaschen aus einem 1841 gesunkenen Frachtschiff in der australischen Port Phillip Bay geborgen werden konnten. Bis auf die Basis-Cuvee (Brut Excellence) und damit zweidrittel der Gesamtproduktion werden bereits seit mehreren Jahrzehnten seit den 1980er Jahren wieder alle Gosset-Champagner in diese exklusiv dem eigenen Haus vorbehaltenen Nachbildung der Antikflaschen gefüllt.

Flaschenlager im Keller von Champagne Gosset in Epernay

Der Stammbaum der Familie Gosset ist 16 Generationen zurück bis zum Stammvater der Ahnenline dokumentiert. Jean Gosset, geboren 1484, steht damit für die 1. Gosset-Generation. Sein Enkel Pierre (also 3. Generation) gründete dann auch formal das Weinhaus. Weitere 13 Generationen lang blieb das Champagnerhaus in Familienhand, bis Antoine und Laurent Gosset 1993 die Entscheidung trafen, ihr Unternehmen an den aus der Cognac-Region stammenden Familienkonzern Renaud-Cointreaus zu verkaufen und so nötige Investitionen und Erweiterungen zu ermöglichen. Powerfrau Béatrice Cointreau, die sich nicht auf ihrer Herkunft als Enkelin des Remy Martin Gründers ausruhte, sondern neben Abschlüssen in Jura und Marketing einen MBA und sogar ein Önologiestudium in Bordeaux vorzuweisen hat Gosset von 1993 an bis zu ihrem Ausscheiden aus dem operativen Gesschäft 2007 neu aufgestellt und die Führung anschließend an ihren Bruder Jean-Pierre Cointreau übertragen.

Druckmessung zur Kontrolle im Keller Champagne Gosset

Bis 1993 lag die Jahresproduktion idR gerade einmal bei 350.000 bis 400.000 Flaschen, inzwischen ist sie auf bis zu 1.3 Millionen Flaschen jährlich angestiegen und das ohne erkennbare qualitative Einbußen. Die Hälfte der Produktion geht in den Export, davon ca. 100.000 Flaschen jährlich nach Deutschland, davon aber überproportional viel Basis-Qualität. Weltweit liegt der Fokus von Gosset auf der gehobenen Gastronomie. Hier möchte man flächendeckend vertreten sein, was dem Haus auch regelmäßig gelingt. Von anderen Geschäftsfeldern, wie dem Duty-Free-Geschäft an Flughäfen hat man sich freiwillig verabschiedet, da die internationale Nachfrage auch so schon die jährlich lieferbare Menge übersteigt. Denn auch nach der Expansion zählt Gosset immer noch zu den kleinen Häuser. Zum Vergleich: Jahresproduktion Veuve Clicquot 16 Millionen Flaschen, Moët & Chandon 33 Millionen, darunter allein schon vom Prestige-Cuveé Dom Perignon deutlich mehr Flaschen als die Gesamtproduktion von Gosset.

Die neue Kellerei von Champagne Gosset in Epernay

Endlich standesgemäß

Seit im Herbst 2009 das mitten in Epernay gelegene Malakoff-Areal mit mehreren Kilometer Keller-Galerien aus dem 19. Jahrhundert (Cave Malakoff) in bis zu 30 Metern Tiefe und 2 ha Park mit dichtem Baumbestand von der Trouillard Familie übernommen wurde (die dort bisher die zur Laurent-Perrier-Gruppe zählenden Château Malakoff Champagner Champagner produzierte), hat man nun perfekte Arbeitsbedingungen und die Möglichkeit einer dezenten Expansion. Der bisherige Produktionsstandort in Ay, eingeklemmt zwischen Hauptstraße und Bahntrasse, lies schon länger keine Erweiterungen mehr zu. Büro und ein Teil des Flaschenlagers sind derzeit noch in Ay, die Bereiche Verkauf, Produktion und alle representativen Aktivitäten sind inzwischen nach Epernay umgezogen.

Die neue Kellerei von Champagne Gosset in Epernay

Die neue „Domaine Gosset“ in Epernay hat eine Kapazität von fast drei Millionen Litern in Stahltanks und Holzfässern und ermöglicht so auch, mehr Grundweine (Vin clair) als bisher in kleinen Einheiten separat auszubauen und damit am Ende beim Cuveetieren mehr Möglichkeiten zu haben. Das ist wichtig, da Spitzenchampagner teilweise aus mehr als 100 verschiedenen Grundweinen komponiert werden. Gosset besitzt seit langem keine eigenen Weinberge mehr, ist also wie fast alle großen Häuser auf Zukauf angewiesen (allein die zehn größten Häuser vermarkten ein Drittel der 307 Millionen Flaschen Gesamtproduktion der Champagne). Das hat zur Folge, dass in der Champagne die höchsten Kilopreise für Weintrauben weltweit erzielt werden. Sie liegen heute schon für Basisqualitäten bei 5,20 Euro und um die 7 Euro für Spitzenqualitäten aus Grand Cru Gemeinden (in der Champagne sind nicht einzelne Weinberge klassifiziert, sondern immer die ganzen Dörfer/Gemeinden. Maximal können von einem Kriterienkatalog 100 Punkte erreicht werden, unter 80 sind die Gemeinden nicht zur Champagner-Produktion zugelassen, von 90-99 sind sie als Premier Cru eingestuft und wer 100% erfüllt, darf sich Grand Cru nennen.) Nur zum Vergleich, Rheingauer Riesling liegt im Normalfall bei 1,00 bis 1,20 Euro für den Liter Most, Spitzenrieslinge liegen selten über 2,00 bis 2,40 Euro und nur extrem selten sind höhere Preise wie bei einem Top-Betrieb, der 4 Euro für den Liter Most aus einer der besten Lagen der Region zahlt.

Champagne Gosset Grundweine (Vin clair)

Da Gosset weitgehend nur die erste Pressung (man nennt sie in der Champagne auch Cuveé) also etwa 80 % des erzielbaren Mostes verwendet, werden für jede 0,75 Liter-Flasche allein 1,5 Kilo Trauben benötigt. Die kommen von rund 200 Weinbauern aus 60 Grand Cru und Premier Cru Gemeinden, die in der Qualitätsklassifikation der Champagne einen Wert von mindesten 95% erreichen. Dabei arbeitet Gosset seit langem, teilweise seit Generationen, mit den selben Produzenten zusammen. Der Winzer in Chigny-les-Roses, den wir auf unserer Reise besucht haben, liefert bereits seit ca. 35 Jahren einen Großteil seiner Produktion an Gosset und langfristige Verträge sichern dies auch für die Zukunft. Gesprochen wird in der Champagne zwar immer von Traubenpreisen, geliefert werden aber idR nicht die Trauben, sondern mindestens der Most und meist sogar fertige Grundweine. Die werden dann bei Gosset weiter ausgebaut, meist im Stahl, ein kleiner Teil auch im Holzfass.

Kellergang mit Rüttelpulten bei Champagne Gosset

Bei Gosset wird traditionell besonderer Wert darauf gelegt, dass die Vin Clair keine Malolaktische Gärung machen. Bei diesem auch Biologischer Säureabbau genannten Prozess wird die im Wein vorhandene Apfelsäure von Milchsäurebakterien in Milchsäure umgewandelt. Die Milchsäure ist nicht nur (auch geschmacklich) milder, bei diesem Prozess werden auch etwa 20 % der Gesamtsäure abgebaut. In der Rotweinbereitung ist „die Malo“ normal, bei Weißweinen meist nicht erwünscht (wobei es hier immer mehr Ausnahmen gibt, auch bei einigen Produzenten deutscher Spitzenrieslinge) aber in der Champagne ist es sehr weit verbreitet, da die Spitze Säure von nicht perfekt reifem Lesegut abgemildert wird und die Champagner dadurch grundsätzlich einen cremigeren und voluminöseren Stil erhalten. Bei Gosset ist man der Meinung, dass die eigenen Champagner auch so cremig genug sind und man lieber die Frische und Frucht behält, die durch die Malo ein Stück weit verloren gehen würden. Die Gosset Champagner sind also typischerweise etwas frischer und säurebetonter als andere, haben duch die höhere Säure (die wie bei allen Weinen auch konservierend wirkt) zudem ein längeres Lagerpotential.

Gitterboxen im Keller von Champagne Gosset

Auch das ist Tradition: Verantwortlich für den Ausbau und die Cuvées ist seit mehr als 30 Jahren ein und derselbe. Jean-Pierre Mareigner trat 1983 seinen Job als Kellermeister (Chef de Cave) und so wie er sich präsentiert, wird sich daran auch so schnell nichts ändern. Die unterschiedlichen Champagnertypen der aktuellen Kollektion sind alle unter seiner Führung entstanden. Und diese Kollektion ist erfolgreich: in einer kürzlich veröffenlichten Studie der bekannten französischen Weinzeitschrift La Revue du vin de France wurde Champagner Gosset auf Platz vier der Top 50 Liste der renomiertesten Champagnererzeuger gewählt.

Verkostung mit Jean-Pierre Mareigner bei Gosset

In jedem Frühling komponiert Mareigner die verschiedenen Cuvees, die dann zwischen März uns Juni auf dei Flaschen gefüllt werden. Anschließend lagern alle Champagner mindestens drei Jahre auf der Hefe und auch nach dem Degorgieren noch einmal zwischen drei Monaten und einem Jahr, bevor sie in den Verkauf gehen. Großflaschen und Prestige-Cuceés werden nach wie vor von Hand gerüttelt, die weiteren Champagner maschinell in speziellen Gitterboxen

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Verkostung mit Jean-Pierre Mareigner bei Gosset

Aus dem herausragenden Jahrgang 1985 (und nur ein Jahr nach dem 400. Geburtstag des Hauses Gosset 1984), wurde durch spezielle Selektion erstmals die Prestige-Cuvée Gosset Celebris geschaffen. Seit dem wurden bis heute sieben Jahrgänge davon veröffentlicht (1985, 1988, 1990, 1995, 1996, 1998, 2002). Die letzten beiden habe ich bereits einige Mal in Glas gehabt und sie waren stets über jeden Zweifel erhaben.

Champagne Gosset Korken

Der aktuelle 2002er Celebris Extra Brut ist eine Cuveé mit 48% Chardonnay und 52 % Pinot Noir aus 10 Grand Cru Gemeinden und die Dossage beträgt gerade einmal 5 g pro Liter. Man sollte ihm zu vollen Entfaltung übrigens viel Luft geben, also entweder vorsichtig in einen Dekanter gießen oder aus einem großen Weinglas trinken. Der 1998er Celebris hat sogar nur 3,5 g Dossage.

Verkostung mit Jean-Pierre Mareigner bei Gosset

Einige Jahre nach dem Jahrgangs-Celebris kamen zwei weitere Variante auf den Markt: ein Jahrgangs-Celebris-Rosé und eine jahrgangsloser Celebris Blanc de Blancs (der aber inzwischen zum Grand Blanc de Blancs wurde). Der Rosé ist nur konsequent, denn die Nachfrage nach Rosé-Champagnern nimmt Jahr für Jahr zu. Anfangs hatte man das bei Gosset für einen kurzlebigen Trend gehalten, aber der Rosé-Anteil ist seit Jahren stetig steigend, allein seit 2005 plus 10% auf mittlerweile rund 16% der Jahresproduktion. Der aktuelle 2007er Celebris Rosé Extra Brut (59% Chardonnay, 41% Pinot Noir, davon 7% als Rotwein) bekam ebenfalls 5g Süße. Gossets Spitzenchampagner sind im Laufe der Jahre trockener geworden, Gosset hat die Dosage seiner Champagner inzwischen von im Durchschnitt 11g auf nun 8g reduziert. Einzige Ausnahme ist die neue Cuveé Petite Douceur Rosé Extra Dry mit 17 Gramm Restzucker, die ich als erstaunlich guten Begleiter zum Erdbeerdessert kennengelernt habe.

Champagne Gosset Petite Douceur Rosé Extra Dry

Einige Reihe weitere Fotos unseres Besuchs gemeinsam mit einer Gruppe von Sommeliers aus der Deutschen Spitzengastronomie bei Champagne Gosset findet sich in einem Album auf unserer Weinkaiser-Facebookseite.

Champagne Gosset in Epernay


Über den Autor

Ralf Kaiser

Gründer von Weinkaiser.de, inzwischen einer der meistgelesenen Weinseiten im deutschen Sprachraum. Ralf ist Mitglied der Redaktion des Gault&Millau Weinguide Deutschland und diverser internationaler Weinjurys. Er verbindet die weinjournalistische Tätigkeit mit seiner langjährigen Erfahrung als Fotograf. Daneben berät er Kunden aus dem In- und Ausland beim Aufbau von Blogs und Social-Media-Aktivitäten.

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