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Jun 20

Grüner wird’s nicht – Gereifte Rieslinge vom Weingut mit den vielen Namen

Weinkaiser-Gastbeitrag von Dr. Marc Herold

Alleine schon der vollständige Name des Weinguts auf dem Etikett ist eine Zumutung für Freunde kurzer, einprägsamer Namen: „C. von Schubert’sche Schloßkellerei – Grünhaus, vormals Freiherr von Stumm-Halberg“. Jedes andere Weingut hätte im Zuge kleiner Etikettenmodernisierungen den „Freiherr von Stumm-Halberg“ still und heimlich unter den Tisch fallen lassen. Hier aber sieht man keinen Grund, einen Eigentümer von vor über 100 Jahren plötzlich dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Dieses Gut an der Ruwer ist wirklich gelebte und lebendige Tradition. Besonders begehrt sind deren restsüßen Rieslinge – die Kabinette und Spätlesen. Ganz besonders kultische Verehrung genießen bei den Fans aber die Auslesen dieser Traditionsbastion. Und nicht nur amerikanische Weinfreunde sind der Meinung „There is never enough Grünhaus in your cellar“. Dementsprechend schwierig ist es auch, der bestehenden Schar der Grünhausjünger ein paar Flaschen dieses ganz besonderen Weins abzuluchsen.

Umso gespannter war ich, als Mitte Juni im „Weinclub“ in Saarbrücken eine Probe mit gereiften Grünhäusern aus der Zeit von 1970 bis 2008 anstand. An dieser Stelle auch nochmal vielen Dank an den Weinclub! Zwei Fragen interessierten mich bei dieser Verkostung besonders. Erstens, wie lang müssen die Weine liegen, um ihr volles Potential zu zeigen? Und zweitens, wie präsentieren sich die Grünhäuser aus der Zeit vor den 80ern?


Gleich zu Anfang gab es je eine 1970er Auslese und feinste Auslese aus dem Herrenberg. Beide Weine aus diesem Jahr waren noch gut trinkbar, wirkten erstaunlich rund und besaßen noch diese typischen Grünhäuser Aromen von Kräutern, etwas Frucht und Wiesenblumen im Sommer. Außerdem wirkten sie optisch noch sehr hell und leicht grüngelb. Ich hatte den Eindruck, dass beide Auslesen nicht oxidiert sondern im Vergleich zu ihrer Jugendform lediglich etwas verblasst waren. Ähnlich wie das Jugendstiletikett auf den Flaschen nach jahrzehntelanger Lagerung schon etwas ausgebleicht wirkt. Die feinste Auslese wirkte kräftiger als die Auslese aber nicht unbedingt süßer, auch gibt es hier etwas rauchige und karamellige Noten zu erschmecken. Leider konnten die analytischen Daten der 70er nicht mehr in Erfahrung gebracht werden; im nahegelegenen Karthäuserhofberg wurde 1970 allerdings eine feinste Auslese (!) mit unter 85° Oechsle erzeugt, dass zeigt ungefähr in welchem Rahmen wir uns bei den 70er bewegt haben.

Was für eine Größe bereits ein einfacher Qualitätswein aus dem Abtsberg haben kann, zeigte der restsüße QbA von 1998. Dieser Wein hat ja unter den Rieslingfreunden einen makellosen Ruf, dem er hier auch voll gerecht wird. Hier ist viel am Knochen, ganze Wolken von Cassis und Kräutern strömen einem entgegen. Der Wein macht jetzt viel Spaß.

Es folgte eine Reihe von Spätlesen aus dem Abtsberg, von denen die aus dem Jahr 1985 gleich großen Jubel auslöste. Der erste Eindruck von Vanille ist zwar nicht unbedingt typisch für diese Lage, aber auch hier folgen Kräuteraromen, der Wein hat einen unglaublichen Swing, ist sehr lebendig und zeigt, dass selbst die Spätlesen aus guten Jahrgängen über mehrere Jahrzehnte immer noch zulegen. Wobei dieser Wein noch dazu aus einer perfekten Magnum kam.

Die Spätlesen aus 1990, 1994 und 2005 zeigten sich als jeweils typische Jahrgangsvertreter. Der 90er würzig, tief und mit einer sehr facettenreichen Nase und einem zupackenden Finish. Der 94er wirkte dagegen tänzerischer, filigraner aber auch nicht ganz so tiefgründig in der Aromatik. Den 90er kann man noch ein paar Jahre im Keller lassen, den 94er würde ich langsam austrinken. Ein ganz anderes Kaliber ist der 2005er; ein Jahr, dass bei Grünhaus außergewöhnlich viel Substanz hat. Die Weine probierten sich im ersten Jahr nach Abfüllung ganz phantastisch und haben sich dann ziemlich verschlossen. Die 2005er Abtsberg Spätlese ist auch noch weit von ihrer perfekten Reife entfernt, mittlerweile schmilzt das „Fett“ aber ab und der Wein beginnt wieder an Struktur zu gewinnen. Aromatisch ist das nicht mehr diese grüne Blumigkeit sondern eher eine laue Sommernacht im Park von Schloß Grünhaus, wenn dort Orangen und Mangos angebaut würden.

Den nummerierten Auslesen näherten wir uns wieder von den älteren Jahrgängen her. Die 1976er Abtsberg Auslese 58 hatte ich schon vor ein paar Jahren besser im Glas, hier zeigte sie sich zuerst etwas gezehrt und mit leicht bitteren ledrigen Aromen, davon abgesehen gibt es hier aber auch noch Anklänge an überreife Pflaumen und Heckenrosen zu entdecken. Die Einzelkomponenten wirken durchaus spannend aber in der Gesamtschau passen sie nicht vollständig zusammen. Der Wein hat auch nur noch eine recht dezenten Süßeeindruck, was auch an der Botrytis liegen könnte.

Der Kontrast zur Abtsberg Auslese 7 könnte nicht stärker sein, denn dieser Riesling wirkt zwar auch nur mittelsüß, strahlt aber von Anfang an eine große Ausgewogenheit und Noblesse aus. Der Wein wirkt zeitlos und man könnte den Weihrauch und Bienenwachsaromen stundenlang nachspüren. Auch hier gibt es sogar noch „grüne“ Anteile im Untergrund. Wenn auch der Klee hier eher als Kleehonig auftaucht. Sehr lang im Nachhall, hat sich perfekt entwickelt und zeigt, was für ein großer Jahrgang 1971 auch an der Ruwer war.

Wesentlich offensiver kam die 1995er Auslese 117 daher. Hier ist alles üppig und im Wuchs, Orchideen, auch Honig, Töne erreichen die Nase. Der Wein wirkt sehr reif und hat dennoch diesen straffen Grünhaus-Kern.

Nicht ganz auf der Höhe der 90er Spätlese war die Abtsberg Auslese 96. Der Wein wirkt merkwürdig verschlossen und fast schon austrocknend. Schwer zu beurteilen, ob da noch einmal etwas kommt.
Mit den folgenden Herrenberg Auslesen standen drei außerordentliche Weine am Schluss dieser Probe. Die Nummer 93 aus dem Jahr 1989 war für mich vielleicht die Überraschung des Abends. Soviel Klarheit und Frische hätte ich nie von einem 89er erwartet. Höhere Prädikate dieses Jahrs haben gerne einmal Probleme mit unsauberer Botrytis. Dieser Wein nicht, er strahlt von dem Augenblick, an dem er ins Glas kommt. Bestimmt der fruchtbetonteste Wein der ganzen Probe. Grapefruit, Limonen aber auch Mandeln begegnen dem, der davon eine Flasche öffnet. Dabei wirkt der Wein sehr balanciert und geradezu heiter.

Die Auslese 183 aus 1993 wirkt insgesamt etwas zurückhaltender, besitzt aber eine beeindruckende Feinheit und Tiefe. Hier wird sehr präzise das Spannungsfeld zwischen fast unreifen Noten, einer gewissen Kernigkeit und aromatischer Tiefe abgeschritten. Das ist der Wein, der für mich in dieser Probe am besten den typischen Grünhausstil verkörpert. Beim Trinken dieses Rieslings steht das elegante neugotische Schloß Grünhaus vor dem inneren Auge des Verkosters.

Den Abschluss bildete die 1997er Auslese 89, der etwas mehr erdverwurzelt und rustikaler ist als der 93er. Nichts desto weniger bildete er mit seiner Direktheit und den Rhabarber-Aromen den perfekten Abschluss einer sehr spannenden Probe, bei der einmal wieder bewiesen wurde, dass die Schubert’schen Spätlesen und Auslesen aus den Achtzigern und Neunzigern jetzt prima zu trinken sind, und dass perfektes Reifeverhalten nicht unbedingt von Oechslegraden abhängt.


Über den Autor

Marc Herold

Marc ist seit Jahren regelmäßig als Autor hier im Blog aktiv. Wenn der promovierte Chemiker seine Labortür in Hamburg abschließt, beschäftigt er sich am liebsten mit Burgundern und sehr sehr reifen Rieslingen.

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