29. November 2013

Netter als nett. Sonett.

Category: Allgemein,Weinrallye @ 01:05

Schloss Reinhartshausen Erbacher Siegelsberg Riesling Auslese 1983

Beitrag zur Weinrallye 69 – Wein und Lyrik. Von Marc Herold.

Die überraschendsten Werke entstehen oft aus den fragwürdigsten Gründen. Die Coen Brüder haben „O Brother where art thou?“ gedreht, weil sie George Clooney in Ketten sehen wollten und ich habe extra das Thema dieser Weinrallye vorgeschlagen, weil ich vor Wochen im Scherz gesagt habe, ich würde gerne eine Weinbeschreibung in Sonettform abliefern.

Warum die Sonettform? Und warum überhaupt eine Form, die von der klassischen Beschreibungsdreikampf-Form aus Aussehen, Geruch und Geschmack abweicht? Vielleicht weil ich immer die eher assoziativen Beschreibungen von Stuart Pigott mochte und weil ich dessen Vergleiche immer überraschend unkonventionell und fast immer treffend fand. Dass mir Pigotts Buch von den „Deutschen Rieslingen und ihren Winzern“ durch seine Notizen zuerst viel Geld gespart hat, weil ich wusste, was ich alles nicht kaufen muss, mich dann aber auch zu einem guten Kunden bei unzähligen Altweinhütern machte, kommt noch dazu.

Auf eine Auslese, die angeblich wie „Ein durchtrainierter Athlet mit festen Muskeln und grazilen Bewegungen am Anfang eines Langlaufs“ wurde ich neugierig. Hätte die Beschreibung einfach nur „Straff, gute Säure, braucht Zeit“ gelautet, hätte ich vielleicht nie mit gereiften Rieslingen angefangen. Denn, Hand auf’s Herz, bringt es uns eigentlich weiter, rein analytisch zu wissen, wie ein Wein schmeckt? Ist es das, was uns dazu bringt, die Weinhändler unseres Vertrauens mit den Geldmitteln für das Zweitgolfset auszustatten? Mal unter uns Rallyefahrern: Ich glaube wir sind alle auf der Suche nach dem Geheimnis, der Magie im Wein. Der Wein soll singen und nicht referieren. (Das machen wir meistens selber)

Was liegt da näher als andere, vielschichtigere Textformen für die Beschreibung von Wein zu erproben? Und sei es nur als einmaliger „Versuch über ein Thema“. Die Entscheidung die Sonettform zu probieren wurzelt einerseits in einem durch Robert Gernhardt und Arno Schmidt gedüngten Unterbewusstseinssumpf und zum anderen in der Erinnerung, dass beim Sonett gerne zwei sonst gegensätzliche Dinge miteinander verbunden und zum Ausgleich gebracht werden. Also ran ans Werk, es fehlt nur noch ein passender Wein. Welcher Wein könnte Gegensätze in sich vereinen? Riesling? Restsüßer Riesling? Der Kontrast aus Säure und Süße? Bingo. Da das Sonett eine recht alte Versform ist, am besten auch alter Riesling. So fiel meine Wahl auf eine 1983er Erbacher Siegelsberg Riesling Auslese vom Schloss Reinhartshausen, einer wirklich klassischen Rheingauer Auslese mit genug Poetik-Potential.

Logo zur Weinrallye 69 - Wein und Lyrik

Und hier kommt schon das Verkostungssonett:

Lang liegt die Flasche schon im Keller
Ruhend, des Siegels Schriftzug nur noch Staub
Dem Tag entgegen wartend, wenn gefüllt die Teller
Mit Wild und Beeren auf dem welken Laub

Nachhaus‘ gekommen, die Finger von der Kälte taub
Entströmt dem goldnen Saft im Glas am Rande heller
Ein Duft wie von der Bienen Nektarraub
Das Glas, es kreist nun immer schneller

Die Zunge kommt nun näher ihrem Recht
Die Süße und die saure Frische flechten
Ein Netz aus Gegensätzen rein ohne Frag‘.

Und siehe, sei die äuß‘re Hülle noch so schlecht,
Tief in dem Bauch der Flaschen fechten
Aromen miteinander wie am ersten Tag.

20. Juni 2013

Grüner wird’s nicht – Gereifte Rieslinge vom Weingut mit den vielen Namen

Category: Allgemein @ 08:40

Weinkaiser-Gastbeitrag von Dr. Marc Herold

Alleine schon der vollständige Name des Weinguts auf dem Etikett ist eine Zumutung für Freunde kurzer, einprägsamer Namen: „C. von Schubert’sche Schloßkellerei – Grünhaus, vormals Freiherr von Stumm-Halberg“. Jedes andere Weingut hätte im Zuge kleiner Etikettenmodernisierungen den „Freiherr von Stumm-Halberg“ still und heimlich unter den Tisch fallen lassen. Hier aber sieht man keinen Grund, einen Eigentümer von vor über 100 Jahren plötzlich dem Vergessen anheimfallen zu lassen. Dieses Gut an der Ruwer ist wirklich gelebte und lebendige Tradition. Besonders begehrt sind deren restsüßen Rieslinge – die Kabinette und Spätlesen. Ganz besonders kultische Verehrung genießen bei den Fans aber die Auslesen dieser Traditionsbastion. Und nicht nur amerikanische Weinfreunde sind der Meinung „There is never enough Grünhaus in your cellar“. Dementsprechend schwierig ist es auch, der bestehenden Schar der Grünhausjünger ein paar Flaschen dieses ganz besonderen Weins abzuluchsen.

Umso gespannter war ich, als Mitte Juni im „Weinclub“ in Saarbrücken eine Probe mit gereiften Grünhäusern aus der Zeit von 1970 bis 2008 anstand. An dieser Stelle auch nochmal vielen Dank an den Weinclub! Zwei Fragen interessierten mich bei dieser Verkostung besonders. Erstens, wie lang müssen die Weine liegen, um ihr volles Potential zu zeigen? Und zweitens, wie präsentieren sich die Grünhäuser aus der Zeit vor den 80ern?


Gleich zu Anfang gab es je eine 1970er Auslese und feinste Auslese aus dem Herrenberg. Beide Weine aus diesem Jahr waren noch gut trinkbar, wirkten erstaunlich rund und besaßen noch diese typischen Grünhäuser Aromen von Kräutern, etwas Frucht und Wiesenblumen im Sommer. Außerdem wirkten sie optisch noch sehr hell und leicht grüngelb. Ich hatte den Eindruck, dass beide Auslesen nicht oxidiert sondern im Vergleich zu ihrer Jugendform lediglich etwas verblasst waren. Ähnlich wie das Jugendstiletikett auf den Flaschen nach jahrzehntelanger Lagerung schon etwas ausgebleicht wirkt. Die feinste Auslese wirkte kräftiger als die Auslese aber nicht unbedingt süßer, auch gibt es hier etwas rauchige und karamellige Noten zu erschmecken. Leider konnten die analytischen Daten der 70er nicht mehr in Erfahrung gebracht werden; im nahegelegenen Karthäuserhofberg wurde 1970 allerdings eine feinste Auslese (!) mit unter 85° Oechsle erzeugt, dass zeigt ungefähr in welchem Rahmen wir uns bei den 70er bewegt haben.

Was für eine Größe bereits ein einfacher Qualitätswein aus dem Abtsberg haben kann, zeigte der restsüße QbA von 1998. Dieser Wein hat ja unter den Rieslingfreunden einen makellosen Ruf, dem er hier auch voll gerecht wird. Hier ist viel am Knochen, ganze Wolken von Cassis und Kräutern strömen einem entgegen. Der Wein macht jetzt viel Spaß.

Es folgte eine Reihe von Spätlesen aus dem Abtsberg, von denen die aus dem Jahr 1985 gleich großen Jubel auslöste. Der erste Eindruck von Vanille ist zwar nicht unbedingt typisch für diese Lage, aber auch hier folgen Kräuteraromen, der Wein hat einen unglaublichen Swing, ist sehr lebendig und zeigt, dass selbst die Spätlesen aus guten Jahrgängen über mehrere Jahrzehnte immer noch zulegen. Wobei dieser Wein noch dazu aus einer perfekten Magnum kam.

Die Spätlesen aus 1990, 1994 und 2005 zeigten sich als jeweils typische Jahrgangsvertreter. Der 90er würzig, tief und mit einer sehr facettenreichen Nase und einem zupackenden Finish. Der 94er wirkte dagegen tänzerischer, filigraner aber auch nicht ganz so tiefgründig in der Aromatik. Den 90er kann man noch ein paar Jahre im Keller lassen, den 94er würde ich langsam austrinken. Ein ganz anderes Kaliber ist der 2005er; ein Jahr, dass bei Grünhaus außergewöhnlich viel Substanz hat. Die Weine probierten sich im ersten Jahr nach Abfüllung ganz phantastisch und haben sich dann ziemlich verschlossen. Die 2005er Abtsberg Spätlese ist auch noch weit von ihrer perfekten Reife entfernt, mittlerweile schmilzt das „Fett“ aber ab und der Wein beginnt wieder an Struktur zu gewinnen. Aromatisch ist das nicht mehr diese grüne Blumigkeit sondern eher eine laue Sommernacht im Park von Schloß Grünhaus, wenn dort Orangen und Mangos angebaut würden.

Den nummerierten Auslesen näherten wir uns wieder von den älteren Jahrgängen her. Die 1976er Abtsberg Auslese 58 hatte ich schon vor ein paar Jahren besser im Glas, hier zeigte sie sich zuerst etwas gezehrt und mit leicht bitteren ledrigen Aromen, davon abgesehen gibt es hier aber auch noch Anklänge an überreife Pflaumen und Heckenrosen zu entdecken. Die Einzelkomponenten wirken durchaus spannend aber in der Gesamtschau passen sie nicht vollständig zusammen. Der Wein hat auch nur noch eine recht dezenten Süßeeindruck, was auch an der Botrytis liegen könnte.

Der Kontrast zur Abtsberg Auslese 7 könnte nicht stärker sein, denn dieser Riesling wirkt zwar auch nur mittelsüß, strahlt aber von Anfang an eine große Ausgewogenheit und Noblesse aus. Der Wein wirkt zeitlos und man könnte den Weihrauch und Bienenwachsaromen stundenlang nachspüren. Auch hier gibt es sogar noch „grüne“ Anteile im Untergrund. Wenn auch der Klee hier eher als Kleehonig auftaucht. Sehr lang im Nachhall, hat sich perfekt entwickelt und zeigt, was für ein großer Jahrgang 1971 auch an der Ruwer war.

Wesentlich offensiver kam die 1995er Auslese 117 daher. Hier ist alles üppig und im Wuchs, Orchideen, auch Honig, Töne erreichen die Nase. Der Wein wirkt sehr reif und hat dennoch diesen straffen Grünhaus-Kern.

Nicht ganz auf der Höhe der 90er Spätlese war die Abtsberg Auslese 96. Der Wein wirkt merkwürdig verschlossen und fast schon austrocknend. Schwer zu beurteilen, ob da noch einmal etwas kommt.
Mit den folgenden Herrenberg Auslesen standen drei außerordentliche Weine am Schluss dieser Probe. Die Nummer 93 aus dem Jahr 1989 war für mich vielleicht die Überraschung des Abends. Soviel Klarheit und Frische hätte ich nie von einem 89er erwartet. Höhere Prädikate dieses Jahrs haben gerne einmal Probleme mit unsauberer Botrytis. Dieser Wein nicht, er strahlt von dem Augenblick, an dem er ins Glas kommt. Bestimmt der fruchtbetonteste Wein der ganzen Probe. Grapefruit, Limonen aber auch Mandeln begegnen dem, der davon eine Flasche öffnet. Dabei wirkt der Wein sehr balanciert und geradezu heiter.

Die Auslese 183 aus 1993 wirkt insgesamt etwas zurückhaltender, besitzt aber eine beeindruckende Feinheit und Tiefe. Hier wird sehr präzise das Spannungsfeld zwischen fast unreifen Noten, einer gewissen Kernigkeit und aromatischer Tiefe abgeschritten. Das ist der Wein, der für mich in dieser Probe am besten den typischen Grünhausstil verkörpert. Beim Trinken dieses Rieslings steht das elegante neugotische Schloß Grünhaus vor dem inneren Auge des Verkosters.

Den Abschluss bildete die 1997er Auslese 89, der etwas mehr erdverwurzelt und rustikaler ist als der 93er. Nichts desto weniger bildete er mit seiner Direktheit und den Rhabarber-Aromen den perfekten Abschluss einer sehr spannenden Probe, bei der einmal wieder bewiesen wurde, dass die Schubert’schen Spätlesen und Auslesen aus den Achtzigern und Neunzigern jetzt prima zu trinken sind, und dass perfektes Reifeverhalten nicht unbedingt von Oechslegraden abhängt.

26. April 2013

Trinkbare Weine unter fünf Euro?

Category: Weinrallye @ 23:01

Nico Medenbach vom Weinblog Drunkenmonday hat sich das Thema der Weinrallye 62 ausgedacht. Weine unter fünf Euro. In diesem Preisbereich habe ich länger nichts mehr für den eigenen Keller gekauft. Andererseits habe ich mit industriell verarbeitetem Wein aber auch kein Problem. Man kann hier nichts Spannendes und Komplexes erwarten, allerdings in großen Mengen erzeugte, gut trinkbare und solide Basisqualität. Mir ist klar, dass in dieser Kategorie das Hauptgeschäft gemacht wird und das, was wir hier sonst so diskutieren, alles Luxusgüter in homöopathischen Mengen sind. Dass die Basisqualität im Discounter in den letzten Jahren deutlich besser geworden ist, ist zwar ein Problem für viele kleine Winzer, da der Abstand zu ihren handwerklich erzeugten Weinen kleiner wird und manchem preissensiblen Kunden Handwerk egal ist, es ist aber unverzichtbar wenn man neue Kunden ansprechen will, die bisher keine Erfahrung mit Wein haben. Auch die allermeisten, die später hochwertige Weine trinken, haben mal mit einfachster Basisqualität angefangen. Da ich aber sowohl für meinen Blog als auch für andere und in Weinjurys regelmäßig Weine aller Preisbereiche verkoste, möchte ich etwas nicht alltägliches, wenn ich mal Weine aus dem eigenen Keller öffne. Darum lege ich mir in den privaten Keller schon länger keine Alltagsweine mehr. In den 90ern war das noch anders. Darum müssen zwei Überbleibsel aus dieser Zeit herhalten, damit ich an dieser Weinrallye teilnehmen kann.

Der erste Wein ist eine 1997er Oppenheimer Krötenbrunnen Auslese von der Thomas Rath GmbH aus Zell (Mosel). Solche restsüße Weine aus dem Supermarkt gab es zu Beginn meiner Studentenzeit in meiner Konstanzer WG häufiger zum Schnitzel. Die Alternative meiner Mitbewohnerinnen war Pinot Grigio aus dem ALDI zur Pizza. Wie genau allerdings diese 97er Flasche in meinen Keller gekommen ist, erinnere ich mich nicht mehr, denn eigentlich war die Phase mit solchen Weinen schon ein paar Jahre früher vorbei. Aktuell kosten solche Auslesen 2 bis 3 Euro und welche Rebsorten verwendet wurden will man besser auch nicht wissen. Diese Flasche enthält also einen 16 Jahre alten lieblich/süßen Billigwein. Kann so was noch trinkbar sein?


Erstaunlicherweise ja. Sicher, ein Hochgenuss ist es nicht, aber dennoch trinkbar: Dichtes Goldgelb, extrem intensives Pflaumenaroma, ein künstlich wirkender Eisbonbon- und Früchteteeton, etwas Firne, leicht Petrol, nahezu säurefrei, üppige Süße, im extrem kurzen Abgang leicht bitter und etwas metallisch oxidativ. Dieser oxidative Ton nimmt mit längerem Luftkontakt deutlich zu.

Den anderen 1997 Discounterwein habe ich im Jahr 2000 mit voller Überzeugung gekauft, er wurde mir damals von mehreren Seiten empfohlen und kostete knapp unter 10 Mark. Es handelt sich um den 1997er Chianti Classico Beni Duilio Riserva von Castellani. 1997 ist einer der besten Chianti-Jahrgänge aller Zeiten und auch viele einfache Weine waren in diesem Jahr herausragend gut. Mir hat dieser Wein jung gut gefallen, so dass ich in der Folge ca. 15 Flaschen eingelagert  habe. Leider stellte sich mit der Zeit heraus, dass es unterschiedliche Chargen gab. Manche der Weine waren farblich recht schwach, fast Pinot-artig, dafür aber geschmacklich sehr harmonisch. Ich habe ihn mehrfach in Blindverkostungen mit Spitzenchiantis eingeschleust, die er zwar nie gewonnen hat, aber auch nie letzter wurde. Andere Flaschen enthielten einen farblich deutlich dichteren und auch sonst konzentrierteren Wein, der sich leider aber nicht so gut entwickelte wie der “dünnere”. Die heutige Flasche gehört leider zur zweiten Gruppe. Der Wein hat noch eine stabile Farbe, zeigt ein intensives süßliches Kirscharoma, leichte animalische Noten, etwas Brett, bittere Holz-Röstaromen, Vanille, trocknet am Ende aus und wird leicht bitter.

Die Wochenzeitung Die Zeit im Jahr 2002 über Castellani: Aldi hat für den unschlagbaren Preis von je 1,99 Euro jährlich acht Millionen Flaschen Castellani-Chianti verkauft – zehn Prozent der Chianti-Jahresproduktion. Mit diesem Preis lag der Wein unter den Produktionskosten. Erst im August 2002 erhöhte Aldi den Preis auf 2,49 Euro. Vielleicht weil die Staatsanwaltschaft in Pisa gegen Castellani wegen des Verdachts auf Weinfälschung ermittelt.

ALDI hat daraus gelernt und lässt die Weine seines Sortiments heute von einem Essener Weinlabor untersuchen, nicht nur auf Qualität, sondern auch auf offensichtliche Widersprüche, wie zu niedrigem Einkaufspreis für die vor Ort üblichen Produktionskosten oder für den Produzenten ungewöhnlich hohe Produktionsmengen. Außerdem gibt es eine Reihe Kooperationen mit namhaften Erzeugern aus dem VDP oder dem Badischen Spitzenwinzer Fritz Keller, der ALDI mit den Weinen seines VITIS-Projekts beliefert. Einen Spätburgunder Rosé 2012 von dort hatte ich gerade in der Post und auf dem Prüfstand. Bei ALDI-Süd ist der Wein derzeit noch im Programm und ab dem 13. Mai kann man ihn auch in den ALDI-Nord-Filialen kaufen. Sehr fruchtig (Erd- und Himbeeren), Hagebutte, erstaunlich frische Säure, für meinen Geschmack ein wenig zu überreif und restsüß. Für viele andere wird es so gerade richtig sein. Für 4,99 Euro ein ordentlicher Wein, der auf vielen Partys gut ankommen wird.

6. Dezember 2011

Weingut Hermann Dönnhoff – Vertikale mit 21 Rieslingen aus der Niederhäuser Hermannshöhle

Category: Allgemein @ 20:34

Nach der Heymann-Löwenstein-Probe im Frühjahr hat die Bonner Weinrunde hat eine weitere große Vertikale eines deutschen Spitzenweinguts organisiert. Das Weingut Hermann Dönnhoff aus Oberhausen an der Nahe zählt seit langem zu den berühmtesten Weingütern Deutschlands und hat auch im Ausland (vor allem in den USA) Kultstatus erreicht. Seniorchef Helmut Dönnhoff hat in den letzten 20 Jahren so ziemlich jede wichtige Auszeichnung der deutschsprachigen Weinwelt erhalten, war beispielsweise Winzer des Jahres (1999) des GaultMillau WeinGuide. Junior Cornelius Dönnhoff, der nun seit rund zwei Jahren Verantwortung im Keller trägt, scheint diese Erfolgsgeschichte nahtlos fortzusetzen. Gerade erst wurde das Weingut vom Weinführer Eichelmann für die beste Weißweinkollektion Deutschlands im Jahrgang 2010 ausgezeichnet und das Große Gewächs 2010 aus der  Hermannshöhle gewann unter 360 teilnehmenden Weinen den ersten Platz beim Riesling-Cup der Zeitschrift Der Feinschmecker.


Bei unserer Verkostung hatten wir 21 Rieslinge aus Dönnhoffs Spitzenlage Niederhäuser Hermannshöhle. Die Jahrgänge 2000 bis 2009 der trockenen Spitzenweine des Weinguts (bis zum Jahrgang 2002 als Spätlese trocken und ab 2003 als Großes Gewächs) und die gleichen zehn Jahrgänge der fruchtigen Spätlesen. Zum Abschluss gab es dann die wunderbar gereifte 1993er Riesling Auslese aus der Hermannshöhle.

Die Großen Gewächse wurden vor der Verkostung dekantiert, die reiferen einmal zwei Stunden, die jüngeren zweimal für zwei Stunden. Die 2000er Spätlese trocken wurde als einziger Wein nicht dekantiert. Die trockenen Weine wurden in der unten aufgelisteten Reihenfolge blind verkostet, die fruchtigen Spätlesen offen in der Reihenfolge von alt nach jung. Zwei Weine hatten Kork (GG 2004 und Spätlese 2001) aber der Gastgeber der Verkostung hatte zum Glück von beiden Weinen eine fehlerfreie Konterflasche im Keller, die am Ende der jeweiligen Serie verkostet wurden (das 2004er GG war also ca. eine halbe Stunde im Dekanter).

Weine aus Niederhausen sind seit dem 16. Jahrhundert für ihre hohe Qualität bekannt. Seit 1901 hat man schwarz auf weiß, dass die 8,5 ha große Hermannshöhle die höchstbewertete Weinbergslage der Nahe ist. Nachlesen kann man das in der vom damaligen Regierungspräsidenten des preußischen Regierungsbezirks Coblenz, Joseph Anton Friedrich August Freiherr von Hövel (1842 bis 1919) im Jahre 1899 in Auftrag gegebenen und 1901 veröffentlichten Klassifikation der Weinbergslagen im Regierungsbezirk Coblenz, die sich heute im Besitz des Landesbibliothekszentrums Rheinland-Pfalz in Koblenz befindet.

Hermann, die erste Hälfte des Lagennamens geht unstreitig auf Hermes, den römischen Schutzgott der Boten und Reisenden zurück und ist wahrscheinlich ein Hinweis auf eine alte Kultstätte. Für die zweite Namenhälfte Höhle sind zwei Erklärungen im Umlauf: zum einen ein kleiner Bergwerksstollen im Mittelteil des Berges in dem früher Pulver für den Kupferbergbau gelagert wurde und zum anderen Hedda, die althochdeutsche Bezeichnung für Hanglage.

Die recht steile Südlage liegt direkt an der Nahe in einer Höhe von 130 – 175 m über NN. Die Böden sind größtenteils aus verwittertem schwarzgrauem Schiefer, stark vermischt mit vulkanischem Eruptivgestein, Porphyrverwitterung, Melaphyrverwitterung und Kalkstein. Feuerstein dürfte an einigen Stellen auch üppig vorhanden sein, so deutlich wie Feuersteinnoten in vielen Weinen aus der Hermannshöhle zu riechen sind.

Hermann Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Spätlese trocken 2000
Wunderbare süße Zitrusfrüchte, dabei vor allem Mandarine, etwas Grapefruit, Karamell, leichte Reifetöne in der Nase, etwas salzig, minimal Botrytis, Kräuter (am präzisesten Anis), wirkt in der Nase süßlich, im Mund richtig trocken, stabile Säure, etwas herb am Ende. Die Runde gibt (84-88P), ich 87P

Hermann Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Spätlese trocken 2001
Am Anfang etwas Klebstoff, malzig, Botrytis, cremig, Mandarine, helle (herbe) Grapefruit, Zitrone, salzig, kalkige Mineralität, intensiver als der 2000er, leichte Pilznote, am Ende sehr herb, fast bitter. Die Runde tippt durch die intensiven Botrytisnoten/-Probleme auf Jahrgang 2006 liegt aber falsch. (84-87) 86P

Hermann Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Spätlese trocken 2002
In der Nase deutlich Feuerstein, rauchige Mineralität, Zitrone, Grapefruit, Ananas, diverse Kräuter. (88-91) 90P

Hermann Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Großes Gewächs 2008
Anis, Grapefruit, weißer Pfeffer, puristisch, elegant, trotzdem kraftvoll, komplexe frucht, sehr fein, Orangen (v.a. Orangenzesten), Grapefruit, feine Säure, lang, cremig, intensive Würze, am Ende Chilischärfe im Mund. (89-92+) 91P

Hermann Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Großes Gewächs 2007
Feuerstein, rauchige Mineralik, opulente Frucht, Mirabelle, Reineclaude, Curry, Kurkuma, leichte Extraktsüße, sehr kraftvoll, Säure perfekt eingebunden, Wein für Drucktrinker, ätherische Noten, wieder Chilischärfe am Ende. (90-93+) 92+P

Hermann Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Großes Gewächs 2009
Extrem mineralisch, man meint man leckt am Stein, in der Nase Cavaillon-Melone, grüne Banane, puristisch, feingliedrig, trotzdem viel Druck, Säure noch nicht richtig eingebunden, zur Zeit eine Rampensau, unglaubliches Potential. (91-95) 93+P

Hermann Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Großes Gewächs 2005
In der Nase wieder deutlich Feuerstein, die Mineralik weniger rauchig als in anderen Jahren, weißer Pfeffer, leicht malzig, reifer Apfel, leicht parfümiert, weißes Nougat, Haselnusskrokant, Sahneduft, reif, sehr rund, jetzt auf dem Höhepunkt. (91-95) 93P

Hermann Dönnhoff Niederhäuser Hermannshöhle Großes Gewächs 2004
Erste Flasche Kork. Konterflasche: (more…)

9. September 2010

Meisterwerke der Mosel – VDP präsentiert 50 reife Spitzenrieslinge

Category: Veranstaltungen @ 20:21

Im Rahmen des VDP-Jubiläumsjahres wird es am 23. September in Trier die sehr seltene Gelegenheit geben, eine große Auswahl gereifter Spitzenrieslinge zu verkosten. Die veranstaltende Agentur Organize hat gestern die Liste der rund 50 reifen Spitzenrieslinge veröffentlicht, die unter der Rubrik “Auserlesen” bei der Präsentation “Meisterwerke der Mosel” des Großen Ring des VDP Mosel-Saar-Ruwer (am Vortag der Trierer Prädikatsweinversteigerung) im Kurfürstlichen Palais Trier probiert werden können. Mir hatten in den letzten Tagen und Wochen mehrere Winzer erzählt, dass sie in Trier eine tollen Wein präsentieren wollen. Mit dieser riesigen Liste hatte ich dennoch nicht gerechnet. Einige dieser Weine wurden immer wieder mal bei privaten Verkostungsrunden langjähriger Sammler geöffnet. Eine öffentliche Veranstaltung mit einer so großen und hochkarätigen Kollektion reifer Rieslinge hat es allerdings seit vielen Jahren nicht gegeben.

Neben den reifen Rieslingen stellen die 31 Mitgliedsbetrieben des VDP Mosel-Saar-Ruwer bei dieser Veranstaltung auch ca. 250 Rieslinge des Jahrgangs 2009 vor sowie den Großteil der Versteigerungsweine, die am nächsten Tag zur 123. Prädikatsweinversteigerung des Großen Rings (wie immer in der Trierer Europahalle) angestellt werden. Der Katalog der Versteigerungsweine findet sich auf den Seiten des Großen Rings.

„Auserlesen“– Riesling-Raritäten vergangener Jahrzehnte
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20. Juli 2010

Riesling trifft Kohle im Rahmen von: A40 – Still-Leben Ruhrschnellweg

Category: Veranstaltungen @ 09:34

Im Rahmen der Ruhr 2010, also des Programms der Metropole Ruhr in ihrer Rolle als Europäische Kulturhauptstadt 2010, fand am Wochenende mit offiziell rund drei Millionen Besuchern eine der größten Tagesveranstaltungen aller Zeiten statt: A40 – Still-Leben Ruhrschnellweg.

Auf der auch Ruhrschnellweg genannten Autobahn A40 zwischen Duisburg und Dortmund (der meistbefahrenen Autobahn Europas) wurde in der Nacht zum Sonntag ein 60 Kilometer langer Tisch aus tausenden Biertischgarnituren aufgebaut, die für diesen Tag an Firmen, Organisationen und Privatleute vergeben/vermietet wurden.

Für das Weinforum Ruhrgebiet hat Uwe Bende drei solcher Tische erstanden und dort unter dem Titel Riesling trifft Kohle eine tolle Verkostung mit 30 zum Teil großartigen Rieslingen aus den letzten 50 Jahren organisiert.

Rund zwanzig Rieslingfreunde, darunter Weinblogger Thomas Günther von Weinverkostungen.de, Wein-Historiker Peter Jakob (marcodatini.posterous.com) und Winzer Gernot Kollmann vom Enkircher (Mosel) Weingut Immich Batterieberg.

Die Weine wurden von Uwe Bende zusammengetragen, unterstützt von Gernot Kollmann, der zwei Flaschen 1964er Riesling naturrein aus der Schatzkammer des von ihm vor kurzem übernommenen Weinguts Immich Batterieberg,

sowie einen 2000er Van Volxem Scharzhofberger Riesling Kabinett, den er in seiner damaligen Rolle als Kellermeister von Van Volxem geschaffen hat und einen meiner Lieblingsweine: eine 2007er Winninger Röttgen Riesling Spätlese Alte Reben vom Weingut Reinhard und Beate Knebel, bei dem Gernot Kollmann in den letzten Jahren als Berater tätig war.

Unsere kleine Verkostungsliste
Teil 1 -  trocken:

Peter Jakob Kühn Oestricher Riesling (eine Traube) 2004

Heymann-Löwenstein Winninger Uhlen R 2001

Peter Jakob Kühn Quarzit Riesling trocken 2007

Koehler Ruprecht Kallstadter Saumagen R Riesling Auslese trocken 2001

Wittmann Westhofen Morstein weißer Riesling Spätlese trocken 1990

Kaßner-Simon Freinsheimer Oschelskopf Riesling Auslese trocken 1990

Toni Jost Martinsthaler Rödchen Riesling Kabinett trocken 1990

Cave Kientzheim Kayserberg Fürstentum Riesling Grand Cru 1995

Laible Durbacher Plauelrain SL Riesling Spätlese trocken 2001

Wittmann Westhofen Aulerde Riesling GG 2001

George Rüdesheim Berg Rottland Riesling trocken 2003

Klaus Peter Keller Riesling trocken von der Fels 2005

Die Weine waren allesamt in erstaunlich gutem Zustand, einzig die 1990er Morstein Spätlese trocken von Wittmann war durch einen undichten Korken etwas zu stark oxidiert, was aber wohl eindeutig ein Flaschenfehler war, denn mehrere Teilnehmer hatten diesen Wein noch vor kurzem in einwandfreiem Zustand verkostet. (more…)

8. Juli 2010

Jahrgangspräsentation und Kellertour im Schloss Johannisberg

Category: Wein @ 00:24

Domänenverwalter Christian Witte hatte zur Präsentation des Jahrgangs 2009 der Domäne Schloss Johannisberg und des Weingutes G.H. von Mumm in den Spätlesereitersaal des Schlosses geladen. Zudem sei eine Kellerbesichtigung vorgesehen und es gebe auch “etwas älteres” zu verkosten.

Auch wenn man als Weinschreibender viele Einladungen zu interessanten Veranstaltungen erhält, bleibt Schloss Johannisberg immer etwas besonderes.

Schloss Johannisberg ist, seit 1720 der komplette Johannisberg mit Riesling bepflanzt wurde, das erste reine “Riesling-Weingut” der Welt und der Ort an dem 1775 der in meinen Augen schönste Weißweinstil – die fruchtige Riesling Spätlese – zumindest offiziell erstmals entstanden ist.

Den Rheingauer Weingütern war im 18. Jahrhundert in jedem Herbst eine Leseerlaubnis von ihren Gemeinden vorgeschrieben. Anders beim Schlossgut Johannisberg, das dem Bistum Fulda gehörte. Die Johannisberger Mönche mussten seit 1718 alljährlich auf die Leseerlaubnis beim Fürstbischof in Fulda einholen. Sie schickten deshalb einen Reiterboten mit einer Probe Johannisberger Trauben nach Fulda, doch in jenem Jahr verspätete sich die Rückkehr des auch Herbstkurier genannten Boten aus bis heute umstrittenen Gründen um 8 – 14 Tage. Die Trauben im Weinberg waren inzwischen kräftig von der Edelfäule Botrytis befallen, geschrumpft und daher hochkonzentriert. Das Ergebnis im nächsten Frühjahr war die erste edelsüße Riesling Spätlese. Die damaligen ersten Spätlesen waren allerdings so konzentriert, dass sie heute wohl eher als Beerenauslese oder Trockenbeerenauslese (TBA) bezeichnet würden.

Heute bewirtschaftet die Domäne Schloss Johannisberg in ihrer Monopollage 35 ha Riesling und das Schwesterweingut G.H.von Mumm noch einmal weitere 65 ha Riesling und Burgundersorten (u.a. auch im Assmannshäuser Höllenberg). Die beiden Güter beschäftigen zusammen 40 hauptberufliche Mitarbeiter sowie weitere bis zu 120 Helfer zu Lesezeit. Alleineigentümer die beiden Weingüter ist die zur Oetker-Gruppe gehörende Sektkellerei Henkell &  Söhnlein.

Wenige Meter vor dem Schloss verläuft der 50. Breitengrad mitten durch den Johannisberg. Mehrere Stehlen im Weinberg zeigen den genauen Verlauf. Vor der Klimaerwärmung galt der 50. Breitengrad als nördliche Grenze für den Qualitätsweinbau überhaupt. Das Risiko mangelnder Reife hat sich aber vorerst erledigt. Heute reifen die Trauben im Johannisberg in jedem Jahr komplett aus und für trockene Weine ist mittlerweile eher eine zu hohe Traubenreife und das damit verbundene Risiko zu hoher Alkoholgrade ein Problem.

In zeitweiser Ermangelung von Etiketten wurden die Weine seit der Zeit von Fürst Metternich durch Lackfarben unterschieden (von Fürst Metternich stammt auch die bis heute umgesetzte Anweisung von 1830, keinen Flaschenwein ohne die Unterschrift des Kellermeisters auf dem Etikett herauszugeben. Heute tragen die Etiketten die Unterschrift von Gutsverwalter Christian Witte). Im Spätlesereitersaal erklärt eine Wandtafel das bunte Farbenspiel der Kapseln und Lacke:

Dazu kommt mit dem Silberlack noch das erstmals mit dem Jahrgang 2005 gefüllte Erste Gewächs (unten in der Bildmitte der aktuellen Kollektion).

Heute nicht mehr in Verwendung, aber aus früheren Jahrgängen noch reichlich im Schlosskeller vorhanden: „Orangelack“ für gehobene Kabinett-Qualität, „Weißlack“ für beste Spätlesen und „Goldblaulack“ für feinste Auslesen. Hier zu sehen neben einer Reihe weiterer historischer Flaschen.

Die Verkostung begann mit einem wunderbar weinigen Fürst von Metternich Rieslingsekt Brut 2008, der Qualitativ deutlich über der Supermarktware des Hauses liegt aber leider nur an gehobene Gastronomie abgebegen wird und nicht für Endkunden im Handel erhältlich ist.

Schon bei den Gutsrieslingen findet sich einwandfreiere Qualität, besonders der einfache lagenlose G.H. von Mumm Rheingau Riesling überraschte mich dabei positiv. Am besten gefiel mir aktuell der trockene Riesling QbA aus dem Johannisberger Hansenberg. Schon ein ganze Klasse darüber, sowohl qualitativ wie preislich ist der Schloss Johannisberger Rotlack Kabinett, sowohl in der trockenen als auch in der feinherben Variante.

Danach ging es an zwei 2008er Erste Gewächse (EG) und die 2009er EG Fassproben aus vier Einzellagen. Bester trockener Wein des Tages war zweifellos das schon jetzt großartige 2008er Schloss Johannisberger Silberlack Riesling Erstes Gewächs mit einem für den Rheingau selten feinen Säurespiel und wunderbaren Kräuternoten. Das 2008er Rüdesheimer Berg Rottland Riesling Erstes Gewächs von Mumm ist zwar auch schön, kommt aber an den Johannisberger derzeit nicht heran. Dafür ist die Fassprobe des 2009er EG aus dem Berg Rottland mit seinen feinen Hefe- und Kräuteraromen zur Zeit schon am weitesten. Die EG-Fassproben aus Johannisberger Hölle und Johannisberger Mittelhölle sind ähnlich im Stil, aber derzeit noch etwas verschlossener. Ebenso die Fassprobe des 2009er Schloss Johannisberger Silberlack Riesling Erstes Gewächs. Sie entstand merkbar aus hochreifem Lesegut, scheint wieder etwas typischer den klassischen Rheingaustil abzubilden, kommt derzeit allerdings natürlich noch nicht an die bereits seit fast einem Jahr gefüllte Vorjahresversion heran. Die schönen Hefe- und Kräuteraromen ziehen sich durch alle großen Gewächse der beiden Güter, was wohl auch darauf zurückzuführen ist, dass im Schlosskeller mit geführter Spontangärung gearbeitet wird, bei der ein gelungener, spontaner Gäransatz von Fass zu Fass weitergeimpft wird.

Die Grünlack Spätlese ist bei der Geschichte dieses Weinguts natürlich auch ein besonderer Wein. Es dürfte wohl auch die meistverkaufte Spitzenspätlese in Deutschland sein. Mir fällt zumindest kein anderes deutsches Weingut ein, das es schafft jährlich mehrere 10.000 fruchtige Spätlesen im Inland abzusetzen. Bei den anderen Erzeugern von Top-Spätlesen dürfte auch der Exportanteil deutlich höher liegen als die rund 50 % bei Schloss Johannisberg. Die 2009er Schloss Johannisberger Grünlack Riesling Spätlese ist derzeit noch recht verhalten. Trotzdem sind schon merklich Pfirsich- und Zitrusnoten, etwas Mineralik und auch wieder Kräuteraromen zu erkennen. Obwohl das Traubenmaterial sicher deutlich höhere Öchslegrade aufwies, als für Spätlesen mindestens vorgeschrieben, wirkt der Wein doch spritzig und erfrischend. Eben eine klassische Spätlese! Schloss Johannisberg ist glücklicherweise nicht in den Wettbewerb um die fetteste, der  zur Spätlese abgestuften Auslesen eingestiegen (wie es z.B. das nur wenige Kilometer entfernt gelegene und ebenfalls sehr renommierte Weingut Robert Weil regelmäßig macht, dessen aktuelle Top-Spätlese aus dem Kiedricher Gräfenberg nur haarscharf die gesetzlichen Anforderungen an eine Beerenauslese verpasst – ein großartiger Wein aber stilistisch definitiv keine Spätlese mehr!).

Im Jahrgang 2009 ist bei Schloss Johannisberg auch eine tolle Kollektion edelsüßer Weine gelungen. An der Spitze stehen ein wunderbarer Schloss Johannisberger Blaulack Eiswein mit tollem Süße-Säure-Spiel und mein persönlicher Favorit des Tages, die Fassprobe einer Schloss Johannisberger Goldlack Trockenbeerenauslese (TBA) der Extraklasse. Die Analysedaten sind noch nicht bekannt, das Ausgangsmaterial soll aber zwischen 180° und 200° Oechsle gelegen haben. Verwalter Christian Witte ist überzeugt, dass Riesling-TBAs aus diesem Oechsle-Bereich auf Dauer einen höheren Trinkgenuss bereiten als extrem konzentrierte TBAs mit inneren Rekordwerten (den Weltrekord hält derzeit Moselwinzer Markus Molitor mit 331 Grad Öchsle im Jahr 2003 in der Zeltinger Sonnenuhr), die zwar kurzfristig einen spektakulären Eindruck vermitteln aber nach wenigen Schlucken bereits ein Gefühl der Übersättigung hinterlassen. An der auch mit ausreichend Säure ausgestatteten 2009er Schloss Johannisberger Riesling TBA hingegen könnte ich mich trotz ihres noch viel zu jungen Alters schon jetzt stundenlang begeistern.

Außer den aktuellen Weinen des 2009er Jahrgangs und einiger Vorjahresweine wurden auch einige Raritäten aus den letzten Jahrzehnten geöffnet:

Schloss Johannisberger Rosalack Riesling Auslese 2002
Schloss Johannisberger Rotlack Riesling Kabinett 1985
Schloss Johannisberger Gelblack Riesling Qualitätswein 1970
Schloss Johannisberger Grünlack Riesling Spätlese 1964

Ein 40 Jahre alter und immer noch trinkbarer Riesling QbA ist natürlich schon etwas besonderes, hier ist es allerdings erst der Anfang. Die 2002er Auslese mit ihren intensiven Pfirsich- und Botrytisaromen ist bereits recht weit entwickelt, macht aber auch schon richtig Spaß. Noch spannender ist der älteste Wein in der Runde, eine  wunderbar gereifte 1964er Riesling Spätlese. Der Grünlack ist also mittlerweile 46 Jahre alt und noch immer in perfektem Zustand. Die Weine wurden, wie bei Schloss Johannisberg alle 30 Jahre üblich, neu verkorkt. Daher auch die Kapseln mit aktuellem VDP-Logo.

Nach der Verkostung ging es ins Allerheiligste: Den berühmten Schlosskeller! (more…)