«

»

Mrz 13

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Vertikale

Zur Verkostung standen elf absolut trockene Rieslinge des konsequent biodynamisch arbeitenden Weinguts Peter Jakob Kühn aus Oestrich im Rheingau. Außer dem 75-Euro-Kultriesling „Schleedorn“ waren alle trockenen Spitzen von Kühn am Start. Da die oft sehr speziellen und nicht gerade Rheingau-typischen Rieslinge immer wieder Probleme hatten, als Rheingauer Erste Gewächse anerkannt zu werden (dem einen Juror sind sie nicht rieslingtypisch genug, der nächsten spricht von nicht rheingautypisch, womit meist gemeint ist, dass einige unfähige Verkoster offiziell trockene Erste Gewächse trotzdem unbedingt mit einer leichten Restsüße wollen) verzichtet Kühn mittlerweile an der Teilnahme an dieser nur im Bundeslandes Hessen existenten Landesklassifikation. Mehrere andere Spitzenbetriebe haben es auch aufgegeben, ihre wirklich trocken Spitzenrieslinge zu dieser Klassifikation anzustellen. An Stelle der staatlichen Klassifikation hat Kühn eine gutseigene Qualitätspyramide von ein (Basis) bis vier Trauben (Spitzenweine des Hauses) eingeführt. Vier Trauben trägt nur der Schleedorn (falls Sie den übrigens herumliegen haben: mindesten einen Tag vorher dekantieren und aus ihrem größten Bordeauxglas trinken!). Außer dem 2003er Mittelheimer St. Nikolaus trugen alle Lagenrieslinge unserer Verkostung die drei Trauben.

Es war eine selten spannende Verkostung. Obwohl die Weine am Vortag doppelt dekantiert wurden, war ein Teil noch immer komplett vernagelt. Die Weine brauchen so extrem viel Luft, wie ich es sonst nur von Nicolas Jolys Clos de la Coulée de Serrant (trockener Chenin Blanc vom Biodyn-Papst aus Savennières an der Loire) kenne. Den meisten Weinen hätten 1-2 Tage im nicht abgedeckten Dekanter gut getan. Nur die 2004er fielen komplett aus der Reihe, beide 2004er (St. Nikolaus und Doosberg) waren trotz absolut festsitzendem Verschluss (Kronenkorken) schon extrem gealtert und oxidativ (auch sehr dunkel in der Farbe). Der eine war klinisch tot (St. Nikolaus 2004), der andere lag in den letzten Zuckungen (Doosberg 2004). Für alle anderen außer dem Amphoren-Wein gilt: Wer Primärfrucht und klassische Rieslingaromen sucht, ist hier falsch. Wer Kräuter, Tee und herbe dunkle Mineralik mag, wird großen Spaß haben. Das 45-Euro-Gerät aus der Amphore ist dagegen eine wahre Fruchtbombe.

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Mittelheim St. Nikolaus 2007
In der Nase geringe Fruchtaromen von Apfel, Grapefruit und Pfirsich, leichte Firne/Petroltöne, intensive Kräuteraromen, im etwas weiße Johannisbeere, herbe Mineralik, ausreichend Säure, wirkt noch extrem verschlossen, am Ende leicht metallisch. In der Nase insgesamt deutlich ansprechender als im Mund. (85-89) Punkte von der Verkostungsrunde, 86P von mir.

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Oestrich Doosberg 2007
Starke mineralische Würze, leicht salzig, etwas an wilde Wiesen und Heu erinnerndes, die Säure wirkt am Ende etwas spitz. (83-87) 86P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Mittelheim St. Nikolaus 2006
Deutlich mehr Frucht als die 2007er, vor allem Grapefruit, Pfirsich und Zitrusaromen, anfangs auch klare Botritysnoten (Edelfäule), weniger Kräuteraromen als die 2007er, dafür intensive von Feuerstein dominierte Mineralik, weiße Jahannisbeere, auch hier eine hohe Säure aber viel besser eingebunden. Über die nächsten Tage immer wieder aus dem Kühlschrank nachverkostet legte er immer weiter zu. (87-89+), von mir anfangs 89+P, an Tag 4 bin ich bei 92P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Oestrich Doosberg 2006
Anfangs in der Nase Petrol-Töne, die mich aber nicht stören und mit der Zeit an Intensität verlieren, ein wenig Zitrus und Grapefruit, intensive Tee- und Kräuteraromen, vor allem Anis, weniger intensive Säure als die ersten drei Weine. (87-90) 88P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Mittelheim St. Nikolaus 2005
In der Nase Aprikose und Marillen, Anis und weitere Kräuter, erinnert an Weihnachtsgewürz-Mischungen, nicht sehr lang, etwas metallisch/oxidativ am Ende. (87-90) 89P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Oestrich Doosberg 2005
Hier dominieren wieder Kräuter, kaum Frucht, dafür Quarzit-geprägte Mineralik, leichte Botritys, sehr hohes Extrakt, wirkt dadurch, als habe er etwas mehr Süße, was ihn sehr stimmig macht. (87-91) 90P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Mittelheim St. Nikolaus 2004
Sehr dunkle Farbe, deutlich oxidiert, erinnert an den Geruch einer vor sich hin gärenden Streuobstwiese, überreif, malzig, hat deutlich abgebaut. Flaschenfehler? (80-84) 80P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Oestrich Doosberg 2004
Auch sehr dunkle Farbe, Alters-Karamelltöne, mit Honig gesüßter Kamillentee, dunkle Kräuter, Säure noch intakt, klar am abbauen, austrinken. (82-88) 86P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Mittelheim St. Nikolaus 2003
Mineralisch (ins salzige gehend), offenbar nicht ganz perfekte Botritys, daher anfangs leichter Aceton-/UHU-/Lösungsmittelton, etwas malzig, ansonsten sehr stimmig, sehr gut gereift. (90-94) 91P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Oestrich Doosberg 2003
Intensive Kräutermischung, etwas Karamell, cremig, intensive Mineralik, perfekte Säure, auch hier wieder sehr fein gereift. 93P

Weingut Peter Jakob Kühn Riesling Amphore 2005
2005 war Kühns erster Amphoren-Jahrgang. In zwei in den Boden eingelassenen (zu zwei Drittel im Boden) 300-Liter-Tonamphoren nach dem Anpressen vergoren und für zweieinhalb Jahre dort belassen. Der Riesling durchlief laut Kühn innerhalb von einigen Monaten zuerst die alkoholische und danach die malolaktische Gärung. Als Resultat hat der Wein keinen Restzucker und keine Apfelsäure mehr und ist damit auch ohne Filtration biologisch stabil. Nach den zweieinhalb Jahren in der Amphore folgte noch mal ein halbes Jahr im gebrauchten Holz. Nicht in die klassische Rieslingflasche gefüllt, sondern in eine an Burgunder erinnernde Flaschenform, die mit Henkeln wie eine Amphore aussehen würde. Als einziger Wein der Verkostung mit Korken verschlossen. Die anderen hatten alle Schrauber oder den speziellen STELCAP Kronenkorken. Der Wein hat keine AP-Nummer, ist daher als Deutscher Tafelwein deklariert.

Der Riesling Amphore 2005 hat eine recht dunkle rotgoldene bis orange Farbe, in der Nase extrem intensive Fruchtaromen: getrocknete Aprikose, kandierte Zitrusfrüchte, wilde Erdbeere, Himbeere, weiße Johannisbeere, etwas bonbonartig, auch wieder Tee- und Kräuteraromen, ein wenig nussig, leichte Gerbstoffe (etwas herbe Noten), sehr deutliche Säure, ist einerseits zwar absolut trocken, wirkt aber durch die enorme Frucht recht mild. Überhaupt nicht rieslingtypisch. Trotzdem sehr gut. Der Wein spaltet die Verkostungsrunde, Bewertungen von Mitte 80 bis Mitte 90 Punkten. Von mir 93P

Weingut Peter Jakob Kühn
Mühlstraße 70
65375 Oestrich-Winkel
www.WeingutPJKuehn.de


Über den Autor

Ralf Kaiser

Gründer von Weinkaiser.de, inzwischen einer der meistgelesenen Weinseiten im deutschen Sprachraum. Ralf ist Mitglied der Redaktion des Gault&Millau Weinguide Deutschland und diverser internationaler Weinjurys. Er verbindet die weinjournalistische Tätigkeit mit seiner langjährigen Erfahrung als Fotograf. Daneben berät er Kunden aus dem In- und Ausland beim Aufbau von Blogs und Social-Media-Aktivitäten.

Mehr unter weinkaiser.de/autorenprofil-ralf-kaiser/

2 Kommentare

1 Ping

  1. AlexNo Gravatar

    Schöne Probe. Hatte zufällig letzten Freitag auch den 2007 St.Nikolaus im Glas und würde diesen eher ab 90 Punkte aufwärts bewerten. Haben Ihn allerdigns auch über 3 Tage verkostet. (Siehe hier http://blindtastingclub.net/spain/paris-blind-tasting-whites/ )Gruss

  2. AlexNo Gravatar

    Oops, ich ruder zurück, das war ja der 2008er bei Mir! Pardon! Ist wohl schon etwas spät..

Schreibe einen Kommentar zu 2005 P.J. Kühn St. Nikolaus | berlinkitchen33 Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.