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Mrz 11

2003er Mosel Beerenauslesen, TBAs und Eisweine auf dem Prüfstand

2003 edelsüß von der Mosel. Kann das was? In die Top 10 der edelsüßen Weine des Jahres im GaultMillau Weinguide hatte es aus dem Jahrgang 2003 kein einziger Süßwein von der Mosel geschafft. Die Spitze machten damals Weil (zweimal 100P und einmal 98P) und Keller (einmal 100P und zweimal 98P) mit je drei Weinen in der Top 10 fast unter sich aus. Wir hatten gestern 32 Beerenauslesen, Trockenbeerenauslesen und Eisweine des Jahrgangs 2003 von der Mosel auf dem Tisch. Die schlechte Nachricht vorweg: leider gab es fast ein Viertel Ausfälle (drei Korker und mehrere Oxidierte). Es waren alles halbe Flaschen und teilweise saßen die Korken so locker, dass offensichtlich war, dass sie nicht perfekt passten oder zu stark beschichtet waren und so im Laufe der zehn Jahre zu viel Luft in die Flasche gelassen wurde. Das Problem mit Ausläufern und oxidierten Weinen kommt bei halben Rieslingflaschen leider deutlich überdurchschnittlich vor, so dass ich davon ausgehen muss, dass einige Flaschenproduzenten immer wieder Flaschen auf den Markt bringen, deren Hals sich schon zu dicht hinter der Öffnung weitet und die so die Korken nicht fest genug fixieren können.

Abgesehen von Flaschenvarianzen war der Jahrgang 2003 in Deutschland auch grundsätzlich sehr extrem. Ein extrem heißer und trockener Sommer führte in vielen Weinbergen zu Trockenstress und sogar Sonnenbrand der Weintrauben. Die Säurewerte sanken oft ins Bodenlose. Als Reaktion wurde von den Behörden Bewässerung und Zugabe von Weinsäure erlaubt. Andererseits waren die Zuckerwerte oft auch schon ohne Botrytis schon gigantisch. All das sorgte für extreme Weine. Trockene Rieslinge waren in der Folge allermeist deutlich zu alkoholisch. Die Chancen für Edelsüße waren besser. Ältere Weinjournalisten und Händler verglichen den Süßweinjahrgang 2003 gar mit dem historischen 1959er. Das Ergebnis unserer Verkostung könnte heterogener kaum sein. Neben den Totalausfällen gab es mehrere TBAs, wie exemplarisch die Trittenheimer Apotheke von Rosch, bei denen zwar fast alle Merkmale vorhanden waren, die eine erstklassige TBA ausmachen aber die Harmonie fehlte völlig. Die nicht nur für 2003 enorm intensive Säure dieses Weins war leider überhaupt nicht eingebunden. Dass wir uns bei einem Wein mehr Säure gewünscht hätten, kam seltener vor als erwartet. Die Kritik ging mehrfach in die Richtung, dass zwar genug Säure spürbar war aber das Zusammenspiel mit der Süße komplett fehlte.


Eines der Highlights war die Doctor-Visite: Das Weingut Wwe. Thanisch Erben Thanisch hat 2003 gleich zwei TBAs aus dem Doctor gefüllt, eine mit 6,5 % (AP 19/04) und eine mit 8 % (AP 18/04). Während sich die orangegoldene Nr. 19 sehr harmonisch und immer noch recht frisch zeigte (94P), wirkte die goldgelbe 18 neben vanilligen und mineralischen Noten etwas zu matt und seifig, so dass wir einen leichten Flaschenfehler vermuten. Es war kein typischer Korkschmecker mit Muff- oder Chloraromen, es schien trotzdem etwas nicht ganz zu stimmen (91+P). Die Doctor-TBA vom Weingut Wwe. Thanisch Erben Müller Burggraef präsentierte sich noch erstaunlich frisch, vor allem feine Tee-Aromen dominierten (überhaupt war Tee der am häufigsten notierte Begriff des Abends). 93P.

Die Stilistiken der vier Doctor-TBAs war sehr unterschiedlich. Diese von Wegeler hatte die kühlste Aromatik, fast ätherisch kräuterwürzig. Weitere Aromen waren Senf, Mullbinden, tropische Früche, Mandarinenlikör. Nicht einstimmig aber für die Meisten am Tisch lag sie bei den Doctor-TBAs knapp vorne. Von mir 95P.

Heute gehört das Weingut Dr. Hermann für mich zur absoluten Spitze der Mosel. 2003 war die Kollektion noch nicht ganz so homogen. Drei der vier Dr. Hermann Süßweine waren mit Alkoholwerten von 10% und mehr ausgebaut, was zumindest zwei dieser Weine nicht besonders gut bekommen ist, sie wirkten nun im gereiften Stadium zu alkoholisch. Bei der Würzgarten-TBA ist es besser gelungen, sie lässt sich mit einem zumindest von mir so noch nie gelesenen Begriff sensorisch fast perfekt beschreiben: „TBA-feinherb„.

Ganz anders die monumentale Treppchen-TBA mit nur 6,5 %: Extrem konzentriert und ölig. Im Glas deutlich sichtbare Zuckerschlieren durch den extrem hohen Restzuckergehalt. Bringt zwar auch eine enorme Säure mit, wirkt aber trotzdem nicht spielerisch sondern bleibt aufgrund der enormen Konzentration mehr ein Wein zum tropfenweisen Genuss als zum glasweise Trinkvergnügen. Daher einigen am Tisch auch zu mächtig. Ein echtes Monument mit 298° Öchsle, um die 500 Gramm Restzucker und 7,8 Gramm Säure, am ehesten vergleichbar mit einer Tokaji Essenzia. Wird nahezu ewig altern können. 96+P.

Das Farbenspiel des Abends war extrem vielfältig, vom hellen Goldgelb eines Eisweins über alle konzentrierten Gelb und Orangetöne, dunkle Rosé- und Rotschattierungen bis zu dunkelbraunen Mokkatönen. Die Farben in denen sich die edelsüßen Rieslinge aus 2003 zeigten, gingen schon sehr weit auseinander.

Der erfrischendste und spritzigste Wein des Abends. In einer Blindverkostung wäre niemand am Tisch auf den Jahrgang 2003 gekommen, wahrscheinlich nicht mal auf Eiswein. Helles goldgelb, zu Beginn unglaublich frisch, sehr rassige und zugleich gut eingebundene Säure, später auch ein dezenter Petrolton. Ich hätte auf eine leicht gereifte Auslese aus einem kühleren Jahr getippt.


Über den Autor

Ralf Kaiser

Gründer von Weinkaiser.de, inzwischen einer der meistgelesenen Weinseiten im deutschen Sprachraum. Ralf ist Mitglied der Redaktion des Gault&Millau Weinguide Deutschland und diverser internationaler Weinjurys. Er verbindet die weinjournalistische Tätigkeit mit seiner langjährigen Erfahrung als Fotograf. Daneben berät er Kunden aus dem In- und Ausland beim Aufbau von Blogs und Social-Media-Aktivitäten.

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