26. April 2013

Trinkbare Weine unter fünf Euro?

Kategorie: Weinrallye — Autor:

Nico Medenbach vom Weinblog Drunkenmonday hat sich das Thema der Weinrallye 62 ausgedacht. Weine unter fünf Euro. In diesem Preisbereich habe ich länger nichts mehr für den eigenen Keller gekauft. Andererseits habe ich mit industriell verarbeitetem Wein aber auch kein Problem. Man kann hier nichts Spannendes und Komplexes erwarten, allerdings in großen Mengen erzeugte, gut trinkbare und solide Basisqualität. Mir ist klar, dass in dieser Kategorie das Hauptgeschäft gemacht wird und das, was wir hier sonst so diskutieren, alles Luxusgüter in homöopathischen Mengen sind. Dass die Basisqualität im Discounter in den letzten Jahren deutlich besser geworden ist, ist zwar ein Problem für viele kleine Winzer, da der Abstand zu ihren handwerklich erzeugten Weinen kleiner wird und manchem preissensiblen Kunden Handwerk egal ist, es ist aber unverzichtbar wenn man neue Kunden ansprechen will, die bisher keine Erfahrung mit Wein haben. Auch die allermeisten, die später hochwertige Weine trinken, haben mal mit einfachster Basisqualität angefangen. Da ich aber sowohl für meinen Blog als auch für andere und in Weinjurys regelmäßig Weine aller Preisbereiche verkoste, möchte ich etwas nicht alltägliches, wenn ich mal Weine aus dem eigenen Keller öffne. Darum lege ich mir in den privaten Keller schon länger keine Alltagsweine mehr. In den 90ern war das noch anders. Darum müssen zwei Überbleibsel aus dieser Zeit herhalten, damit ich an dieser Weinrallye teilnehmen kann.

Der erste Wein ist eine 1997er Oppenheimer Krötenbrunnen Auslese von der Thomas Rath GmbH aus Zell (Mosel). Solche restsüße Weine aus dem Supermarkt gab es zu Beginn meiner Studentenzeit in meiner Konstanzer WG häufiger zum Schnitzel. Die Alternative meiner Mitbewohnerinnen war Pinot Grigio aus dem ALDI zur Pizza. Wie genau allerdings diese 97er Flasche in meinen Keller gekommen ist, erinnere ich mich nicht mehr, denn eigentlich war die Phase mit solchen Weinen schon ein paar Jahre früher vorbei. Aktuell kosten solche Auslesen 2 bis 3 Euro und welche Rebsorten verwendet wurden will man besser auch nicht wissen. Diese Flasche enthält also einen 16 Jahre alten lieblich/süßen Billigwein. Kann so was noch trinkbar sein?


Erstaunlicherweise ja. Sicher, ein Hochgenuss ist es nicht, aber dennoch trinkbar: Dichtes Goldgelb, extrem intensives Pflaumenaroma, ein künstlich wirkender Eisbonbon- und Früchteteeton, etwas Firne, leicht Petrol, nahezu säurefrei, üppige Süße, im extrem kurzen Abgang leicht bitter und etwas metallisch oxidativ. Dieser oxidative Ton nimmt mit längerem Luftkontakt deutlich zu.

Den anderen 1997 Discounterwein habe ich im Jahr 2000 mit voller Überzeugung gekauft, er wurde mir damals von mehreren Seiten empfohlen und kostete knapp unter 10 Mark. Es handelt sich um den 1997er Chianti Classico Beni Duilio Riserva von Castellani. 1997 ist einer der besten Chianti-Jahrgänge aller Zeiten und auch viele einfache Weine waren in diesem Jahr herausragend gut. Mir hat dieser Wein jung gut gefallen, so dass ich in der Folge ca. 15 Flaschen eingelagert  habe. Leider stellte sich mit der Zeit heraus, dass es unterschiedliche Chargen gab. Manche der Weine waren farblich recht schwach, fast Pinot-artig, dafür aber geschmacklich sehr harmonisch. Ich habe ihn mehrfach in Blindverkostungen mit Spitzenchiantis eingeschleust, die er zwar nie gewonnen hat, aber auch nie letzter wurde. Andere Flaschen enthielten einen farblich deutlich dichteren und auch sonst konzentrierteren Wein, der sich leider aber nicht so gut entwickelte wie der “dünnere”. Die heutige Flasche gehört leider zur zweiten Gruppe. Der Wein hat noch eine stabile Farbe, zeigt ein intensives süßliches Kirscharoma, leichte animalische Noten, etwas Brett, bittere Holz-Röstaromen, Vanille, trocknet am Ende aus und wird leicht bitter.

Die Wochenzeitung Die Zeit im Jahr 2002 über Castellani: Aldi hat für den unschlagbaren Preis von je 1,99 Euro jährlich acht Millionen Flaschen Castellani-Chianti verkauft – zehn Prozent der Chianti-Jahresproduktion. Mit diesem Preis lag der Wein unter den Produktionskosten. Erst im August 2002 erhöhte Aldi den Preis auf 2,49 Euro. Vielleicht weil die Staatsanwaltschaft in Pisa gegen Castellani wegen des Verdachts auf Weinfälschung ermittelt.

ALDI hat daraus gelernt und lässt die Weine seines Sortiments heute von einem Essener Weinlabor untersuchen, nicht nur auf Qualität, sondern auch auf offensichtliche Widersprüche, wie zu niedrigem Einkaufspreis für die vor Ort üblichen Produktionskosten oder für den Produzenten ungewöhnlich hohe Produktionsmengen. Außerdem gibt es eine Reihe Kooperationen mit namhaften Erzeugern aus dem VDP oder dem Badischen Spitzenwinzer Fritz Keller, der ALDI mit den Weinen seines VITIS-Projekts beliefert. Einen Spätburgunder Rosé 2012 von dort hatte ich gerade in der Post und auf dem Prüfstand. Bei ALDI-Süd ist der Wein derzeit noch im Programm und ab dem 13. Mai kann man ihn auch in den ALDI-Nord-Filialen kaufen. Sehr fruchtig (Erd- und Himbeeren), Hagebutte, erstaunlich frische Säure, für meinen Geschmack ein wenig zu überreif und restsüß. Für viele andere wird es so gerade richtig sein. Für 4,99 Euro ein ordentlicher Wein, der auf vielen Partys gut ankommen wird.



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4 Kommentare »

  1. [...] Ralf Kaiser schreibt auf Weinkaiser.de den besten Artikel der Weinrallye #62. (Sagt zumindest Markus Budai auf [...]

    Pingback by Heute live und in Farbe: Weinrallye #62 – Sind 5€ die Grenze des guten Geschmacks? | Drunkenmonday Wein Blog — 27. April 2013 @ 20:31

  2. [...] Ralf Kaiser schreibt auf Weinkaiser.de den besten Artikel der Weinrallye #62. (Sagt zumindest Markus Budai auf [...]

    Pingback by Resümee der Weinrallye #62 | Drunkenmonday Wein Blog — 30. April 2013 @ 09:53

  3. Danke für den Aldi-Tipp. Das mit dem Essener Labor war mir noch nicht bekannt.
    Ich persönlich kaufe günstige Weine ja am liebsten bei Norma oder Kaufland. Ich finde dort regelmäßig Weine, die mehr können, als sie kosten.

    Comment by JochenNo Gravatar — 30. April 2013 @ 18:04

  4. Hallo,einen wunderschönen guten Tag.
    Ich suche folgenden Wein:
    ,,Oppenheimer Krötenbrunnen” -Auslese- 2006 – von: Thomas Rath GmbH in: D-56856 Zell/Mosel mit der A.P.Nr.:290702113907,können Sie mir helfen,wo ich diesen Wein kaufen kann ? eventuell Grußmarktkette;oder genaue Anschrift mit Tel.-Nummer des Winzers/herstellers/Abfüller.
    Vielen herzlichen Dank,
    Rainer Stoerch.

    Comment by Rainer StoerchNo Gravatar — 23. März 2014 @ 19:03

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