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Jul 07

Vinocamp Deutschland 2015

Vinocamp Deutschland 2015

#vcd15 – Mücken, Menschen, Monopole

Von Marc Herold

Mittlerweile ist das Vinocamp ein fester Termin im Kalender der Weinblogger, Weinschreiber und aller, die sich für die Verbindung von Wein und Internet interessieren. Auch wenn in diesem, dem fünften Jahr des Camps, nur ca. 80 Leute den Weg nach Geisenheim gefunden haben, war die Begeisterung fürs Netzwerken und vinologische Themen hoch. Das Camp begann dann auch schon vor dem eigentlichen Start mit einem Besuch der Frühangereisten beim Schloss Johannisberg. Ich war da schon oft, habe aber erst bei dieser Gelegenheit die Schatzkammer des Weinguts gesehen. In dieser unterirdischen Bibliothek lagern Weine bis zurück ins achzehnte Jahrhundert und Christian Witte, dem momentanen Domänenverwalter war der Respekt vor der Leistung und den Spitzenweinen seiner Vorgänger anzumerken. Witte ist sehr darauf bedacht aus der „Bibliotheca Subterranea“ nicht nur Weine zu entnehmen, sondern auch dort besonders gut geratene Gewächse einzulagern.

Bibliotheca subterranea unter Schloss Johannisberg

Nach der Besichtigung der unterirdischen Schätze konnten wir noch ein paar Weine aus aktueller Produktion probieren. Die trockenen Weine unterhalb des Silberlacks waren ja in den letzten Jahren oft Ziel von etwas hämischer, teils aber auch gerechtfertigter Kritik. 2014 ist hier aber besonders bei den einfachen trockenen Weinen sehr gut geworden. Wittes Bestrebungen auch die Basis des Gutes auf Vordermann zu bringen scheinen also Früchte zu tragen. Der 2014er Gelblack ist fest und fruchtig, hat aber auch eine schöne Rheingauer Würze. Der Riesling gefiel mir so gut, dass ich davon im Gutsauschank gleich noch etwas geordert habe.

Riesling-Verkostung auf Schloss Johannisberg

Am nächsten Morgen ging es dann endlich richtig los. In die Geisenheimer Uni zu kommen, auf den knarzigen Holzklappsitzen des „Erbslöh-Hörsaals“ Platz zu nehmen und gespannt auf die angebotenen Sessions zu warten, ist für mich immer der spannendste Moment des Camps. Was wird es für Themen geben? Gibt es Sessions mit „Brisanz-Potential“? Dieses Jahr hätte ich ja gedacht, dass mindestens eine Session zu Herbiziden auftauchen wird, das Thema spielte aber erst etwas verspätet bei Andreas Barths (Lubentiushof und von Othegraven) Beitrag zu „Mythos und Wahrheit“ eine Rolle. Andreas beklagte darin die Diskrepanz zwischen dem, was einige Winzer den Kunden über die Weinbereitung erzählen und dem, was sie wirklich in Weinberg und Keller tun. Nicht überall, wo Spontangärung draufsteht ist wol auch Spontangärung drin. In dem Zusammenhang bemerkte Felix Bodmann, dass Winzer wohl die einzige Berufsgruppe sind, die besonders betonten, was sie bei der Weinerzeugung alles nicht (!) täten. Nicht Düngen, keine Reinzuchthefen zugeben, nicht filtrieren, keinen Schwefel zugeben und so weiter… Vielleicht kommt man aus dieser Differenz zwischen Dichtung und Wahrheit nur raus, wenn man einen Weg vom „Mythos des Nichtstuns“ zu einem positiven Mythos findet, bei dem das emotionen-weckende Potential der Steillagen gehoben wird. Die Mosel ist da ja mit der Veranstaltung „Mythos Mosel“ auf dem, wie ich finde, richtigen Weg.

Spitzenwinzer Andreas Barth auf dem Vinocamp Deutschland 2015

Neben der Session von Andreas waren für mich die Angebote von Peter Weritz zum Thema „Was kostet ein Weingut?“ und die Craft Beer-Session von Torsten Goffin sehr überzeugend. Peter setzte die Tradition der „Sendung mit der Maus“-Session des Vinocamps fort, bei der Winzer (in früheren Jahren Harald Steffens und KaJo Thul) alle erdenklichen Fragen der Wein-Geeks zum Thema Weinbau beantworteten. Diesmal ging es nicht nur um die Technik, sondern auch ums Ökonomische. Wieviel Geld muss ich mitbringen, wenn ich meinen Traum vom eigenen Weingut verwirklichen möchte? Kurzgefasst, sollte man sich mit weniger als 1,5 Millonen Euro eher ein paar Flaschen Wein oder eine Yacht kaufen. Interessant war auch, dass Weingutsverkäufe meist erhebliche Kundenverluste mit sich bringen, mit denen man rechnen muss.

Craft WTF?

Die leidenschaftlichste Session war für mich aber Torstens Craft Beer-Rundumschlag bei dem es (natürlich) ein IPA und diverse belgische Biere gab, die alle ziemlich weit vom deutschen Reinheitsgebot entfernt waren. Am besten gefiel mir hier das „Château d’Ychouffe“, ein Bier in dem auch vergorene edelfaule Trauben enthalten sind. Wirklich der missing link zwischen Bier und Wein. Auch wenn Bier ja, fernab von solchen Experimenten erstmal wenig mit Wein zu tun hat, können die Weinfreaks durch den Blick auf die sehr lebendige Bierszene meiner Meinung nach lernen, wie man durch Austausch ziemlich extremer Ideen und gemeinsame Projekte zu neuen geschmacklichen Ufern segeln kann.

Den Abschluss des Camp-Samstags bildeten die „Sozialen Weinproben“ bei denen die Teilnehmer Weine zu einem speziellen Thema mitbrachten. Die Burgund-Probe und die Sherry-Probe waren hier besonders hochklassig besetzt. Wer schon immer mal die gesamte „Palmas“-Reihe probieren wollte, in der González Byass die Entwicklung vom sehr jungen Fino bis zum alten Amontillado abbildet, war bei der von Peer F. Holm moderierten Session richtig.

Highlight der Sozialen Verkostung zum Thema Gemischter Satz: Vier Jahrgänge Kapellenberg Gemischter Satz vom Weingut Bickel-Stumpf aus Franken

Ich selbst hatte von Felix Eschenauer die Session zu Monopollagen übernommen. Neben den berühmten Mosel-Monopolen wie den Lagen von Maximin Grünhaus oder dem Veldenzer Elisenberg hatten wir auch Weine aus dem Rheingau (u.a eine Ress Schloss Reichartshausen-Vertikale), von der Nahe (Dönnhoffs Oberhäuser Brücke) und aus Rheinhessen (Katharina Wechslers Westhofener Benn). Erstaunlich war für mich, dass von dem guten Dutzend Weinen nur der „Schloss Reichartshausen“ von Ress auch auf dem Etikett als Monpollage gekennzeichnet ist. Im Burgund ist man da, was die Herausstellung angeht, viel offensiver. Mir persönlich war nach der Probe auch noch nicht klar, ob der Besitz einer eher unbekannten Monopollage wirklich ein Vorteil für den Winzer darstellt. Vielleicht biete ich aber zu dem Thema in einem der nächsten Camps noch eine „trockene“ Session mit noch mehr Diskussion an.

Weiterdiskutiert wurde dann auch während chill out Session abends an „den Fässern“ am Hattenheimer Rheinufer. Direkt am Rhein floss der alte Riesling in Strömen und auch die Mücken fühlten sich von den im Blut der Camper dargereichten Getränken angezogen. Auch die Teilnehmer, die zum ersten mal bei so einer „Unkonferenz“ dabei waren wurden spätestens bei dieser Gelegenheit perfekt integriert.

Highlight des Vinocamps Deutschland 2015: Lehrweinprobe Pinot Noir weltweit mit Caro Maurer (MW)

Sonntag. Alle waren wieder fit. Oder einige. Oder auch nicht so ganz fit. Aber wenigstens pünktlich zur großen „Pinot Noir weltweit“ Probe von Caro Maurer (MW). Elf Pinots aus der ganzen Welt wurden blind eingeschenkt und mussten einem Land zugeordnet werden. Trotz einiger Tipps von Caro war das eine sehr knifflige Aufgabe und nur eine Handvoll der gut 80 Teilnehmer hatten vier Weine korrekt zugeordnet. Überraschend war nicht nur, dass es teilweise schwer war, überhaupt zwischen neuer und alter Welt zu unterscheiden sondern auch, dass der Großteil der Weine ziemlich wuchtig und nicht klassisch burundisch transparent wirkten. Ja selbst der Pinot aus dem Burgund wirkte recht wuchtig, was aber auch am Jahrgang 2009 gelegen haben könnte. Bei der Gelegenheit kam mir wieder die samstägliche session zu „Leichtweinen“ in den Sinn. Könnte es sein, dass ein hoher Alkoholgrad gar kein Weißweinproblem sondern vordringlich ein Ärgernis bei Rotweinen ist?

Lehrweinprobe: Pinot Noir weltweit mit Caro Maurer (MW)

Das Camp klang mit einer Feedbackrunde aus, von der ich den Appell mitgenommen habe, begeisterte Leute mit interessanten Themen auf das Camp zu locken und auch den Mut zu unerwarteten Themen zu beweisen. Bienen und Weinbau, Wein und Pop, Eurythmie und BSA, alles kann seinen Platz auf dem Vinocamp finden. Traut euch – es ist euer Camp!

Traditioneller Abschluss des Vinocamps Deutschland: Sektempfang mit Deutschen Weinprinzessin


Über den Autor

Marc Herold

Marc ist seit Jahren regelmäßig als Autor hier im Blog aktiv. Wenn der promovierte Chemiker seine Labortür in Hamburg abschließt, beschäftigt er sich am liebsten mit Burgundern und sehr sehr reifen Rieslingen.

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